114 Die preußischen Ostprovinzen nnd ihre Weltstellnng.
gen. Wird nur ein Viertel des noch cultursähigen Bodens bebaut, so muß dieKornerzeugung von Großbritannien und Irland nach Abzug der Saat an 70 Mil-lionen Quarter betragen, und vermehrt sich das Erträgniß jedes Acker dabei um einViertel, so wird diese Summe weit in die 80 Millionen steigen. In Betracht des-sen, sowie der Fortschritte des landwirthschaftlichen Betriebs und der sich immer ver-mehrenden Beförderungsmittel, in Betracht, daß der moralische Einfluß und Willeder Bodeneigenthümer durch die Sachverhältnisse unwiderstehlich bestimmt wird, mußman nothgedrungen, und ohne schon eine größere Theilung des britischen Grundci-genthums mit Milderung der Majoratsverhältnisse in gewisse Aussicht zu stellen, dervorherrschenden Ansicht gewiß beipflichten, daß gerade die freie Korneinsuhr, obwvlanfänglich die Einfuhr aus allen Weltgcgenden vermehrend, England in die Lagebringen werde, mit der Zeit kein fremdes Getreide mehr zu bedürfen. Der deutsche,Ler preußische Landwirth wird also überhaupt wohlthun, sich mit Träumen einer zu-künftigen ersprießlichen Kornausfuhr (in Betreff der landwirthlichen Nebenerzeugnissestellt sich die Sache freilich etwas anders) nicht mehr zu täuschen. Die Engländerwerden in Zukunft so wenig wie andere Völker sein Getreide noch brauchen. Ge-winnt er daher künftig nicht den Absatz im Jnlande selbst, so steht unserm national-ökonomischen Haushalte der Verlust von wenigstens 14 Millionen Thalern bevor, danach langjährigem Durchschnitt die Ausfuhr deutschen Korns nach England jährlichüber 4h- Millionen preußische Scheffel beträgt *), wovon nahezu zwei Drittheile alleinaus den preußischen Häfen verschifft werden.
Die ganze deutsche Landwirthschaft hat sonach in Folge der Peel-Russel'schenZollreformen mit der Zeit einen sehr erheblichen Ausfall in der Ausfuhr ihrer Er-zeugnisse zu gewärtigen; allein ein Gleiches, vielleicht noch in höherm Grade, giltauch von der deutschen Industrie. In der Ausfuhr des Zollvereins an Schaswoll-,Baumwoll- und Leinenwaaren, nach Abzug des zur Deckung der ausländischenWaareneinfuhr dienenden Quantums, stellt sich schon im Durchschnitt der vier Jahre1841—44 gegen 1837—40 ein jährlicher Verlust von 15 Millionen Thalern heraus.Die auf Wohlseile Fabrikerzeugung berechnete britische Politik hatte aber damals erstihren Anlauf genommen, und man kann mit Recht annehmen, daß die englische In-dustrie noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Der geringe Preis des zoll-frei und unter den günstigsten Conjuncturen bezogenen Rohstoffs, das durch Ab-schaffung der Wandclscala bedingte Fallen der Kornpreise, also auch des Arbeitslohnes,die immer größere Energie und Ausdehnung des Geschäftsbetriebs bei mäßigem Pro-vitsatz, erleichtert durch den ungeheuren Capitalreichthum und die stets bereite Gele-genheit zur Versendung und Einführung der Fabrikate auf allen fernen Märkten,das Alles muß fort und fort die Ermäßigung der britischen Waarenpreise und denDruck auf die deutsche Industrie zur Folge haben. Die Ostseeprovinzen und derZollverein werden also unter allen Umständen weder auf die längere Fortdauer derbisherigen Getreideausfuhr nach England noch auf eine künftige Zunahme der deut-schen Manusacte aus dem bisherigen Wege rechnen können. Den Ostseeprovinze»bleibt deshalb ebenso wie den übrigen deutschen Vereinsländern nichts Anderes übrig,als einmal Erweiterung und Sicherung des Absatzes im Zulande zu suchen, sodanndem Ausfuhrhandel neue Bahnen zu erschließen, was vornehmlich nur in dem unsbis jetzt verschlossenen Osten möglich sein wird. Der deutschen Industrie blüht nachaußen nur eine schönere Zukunft, wenn ihrem Absätze die weiten östlichen Bahne»über Polen, Donau abwärts und übers Schwarze Meer erschlossen werden. DenPreußischen Ostseeprovinzen ist demnach ein und dasselbe Ziel mit den übrigen Ver-einsländern vorgezeichnet, und hierin liegt auch die Übereinstimmung der wahren In-teressen dieser Provinzen mit denen des Zollvereins und des ganzen Deutschlandsüberhaupt. Dieses doppelte Ziel aber, Erweiterung des innern Marktes und Eröff-
*) Der Zollverein selbst führte jährlich im Ganzen beinahe 7 Millionen preuß. Scheffel aus