198 Baiern und sei» König Ludwig l.
angestammten Wittelsbacher, wollte ein großer Theil der Bevölkerung die Waffennicht niederlegen. „Das Wort Sollen ist zweideutig, Müssen muß es heißen; derKönig muß thun was wir wollen!" Nur wiederholte Vorstellungen, daß man jajeden Augenblick nochmals zu den Waffen greifen könne, das bürgerliche Zeughausverbleibe ja in den Händen der Bürger, konnten diese Entschiedenen zur Ablieferungihrer Wehren bewegen.
„Betrogen sind wir abermals", so hörte man die Weitersehenden sich äußern,„wir haben, genau genommen, nichts, gar nichts erreicht. Wahr, die Ständewerden zusammenberufen, aber welche Vorlagen werden ihnen gemacht? Die Ständehaben keine Initiative. Wir müssen König und Regierung zu dem Versprechen zwin-gen, Dies und Jenes, alle unsere Wünsche in Gesetzentwürfen den Ständen vorzu-legen." Um dies durchzusetzen, wurde nochmals zu dem alten Werkzeuge gegriffen;die Bevölkerung wurde nochmals durch tausenderlei Gerüchte in Unruhe und Schre-cken versetzt. Die Bürger sollten entwaffnet und wegen ihres verrätherischen Beneh-mens, so sprach der König in der That von seinen Münchnern, zur Rechenschaftgezogen werden. Eilboten, hieß es, wären nach Wien gegangen; östreichische Trup-pen würden in Baiern einrücken. Man wollte wissen, daß mehre Stabsoffiziereeine Einladung nach Hof erhalten, Wo ihnen die lockendsten Anerbietungen gemachtwurden: man wollte sie dazu bewegen, auf das Volk einhauen, auf das Volk schie-ßen zu lassen. Schon früh am Morgen des 6. März füllten sich die Straßen mitzahlreichen drohenden Haufen. Die deutschen Farben, schwarz-roth-gold, federteman, sollten aufgesteckt werden; solche Fahnen müßten vorn Schlosse wehen. Noch-mals wollte man den Weg der Güte versuchen. Brächte die Deputation keine gün-stige Antwort, würden nicht alle Federungen gewährt, so würde alsbald der Ruf„Zu den Waffen!" erschallen. Dem König müßte nur die Wahl zwischen unbeding-ter Einwilligung und Abdankung gelassen werden. Man hörte sogar auch das WortRepublik aussprechen, zum großen Theil wol blos von Leuten, welche die Tragweiteihrer Rede nicht verstanden.
Kurz vor dem Augenblicke, wo der Sturm losbrechen sollte, erschien ein Münche-ner Bürgerssohn, den zufällige Umstände in ungewöhnlicher Schnelle zum wichtigenPosten eines Ministerialraths emporgehoben hatten, aus dem Rathhause und lasunter dem Jubel der versammelten Bürgerschaft folgende in der Geschichte des Kö-nigreichs Baiern epochemachende Proclamation vor: „Ich habe Mich entschlossen dieStände Meines Reiches um Mich zu versammeln; dieselben sind auf den 16. d. M.in die Hauptstadt berufen. An die Stände des Reiches werden ungesäumt Gesetz-vorlagen gelangen, unter Anderm: über die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit derMinister; über vollständige Preßfreiheit; über Verbesserung der Stände-Wahl-Ordnung;über Einführung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit in die Rechtspflege mit Schwur-gerichten; über die in der IX. Verfassungs-Beilage angedeutete umfassendere Fürsorgefür die Staatsdiener und deren Relicten, dann deren Ausdehnung auf. die übrigenAngestellten des Staats; über Verbesserung der Verhältnisse der Jsraeliten. Fernerordne Ich in diesem Augenblicke die schleunige Abfassung eines Polizei-Gesetzbuchesan; ebenso befehle Ich die unverzügliche Beeidigung Meines Heeres auf die Ver-fassung und lasse Ich von heute an die Censur über äußere wie innere Angelegen-heiten außer Anwendung treten. Ein großer Augenblick ist in der Entwickelung derStaaten eingetreten. Ernst ist die Lage Deutschlands. Wie Ich für deutsche Sachedenke und fühle, davon zeugt Mein ganzes Leben. Deutschlands Einheit durch Wirk-same Maßnahmen zu stärken, dem Mittelpunkte des vereinten Vaterlandes neue Kraftund nationale Bedeutsamkeit mit einer Vertretung der deutschen Nation am Bundezu sichern, und zu dem Ende die schleunige Revision der Bundesverfassung inGemäßheit der gerechten Erwartungen Deutschlands herbeizuführen, wird Mir eintheurer Gedanke, wird Ziel Meines Strebens bleiben. Baierns König ist stolz dar-auf, ein deutscher Mann zu sein." Gegen 3 Uhr Nachmittags verkündeten nunöffentliche Anschläge den königlichen Befehl, daß das Militair noch an demselben