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Erster Band.
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197
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Barern und sein König Ludwig I. 197

der Russen." Fürst von Attingen-Wallerstcin suchte mit gewohnter gleißnerischerDiplomatenkunst und Zweideutigkeit den Sturm zu beschwören und Zeit zu gewinnen.Die Stände wurden, was Niemand verlangte, aufgelöst; die umgewühlten Vertreterdes Volkes sollten am 31. Mai zusammenkommen, um mit ihnen „die verfassungs-mäßigen Wünsche des Volkes in herzliche Berathung zu nehmen".*) Das wollteman nicht, so ging die Rede von allen Seiten. Was könnte nicht Alles in derjetzigen Weltlage bis Ende Mai geschehen! Die jetzigen Stände reichten aus, siemöchten alsbald einberufen, mit ihnen möchte über das Wohl Baierns, über dasWohl des Vaterlandes getagt werden. Das tausendzüngige Gerücht begann alsbaldwiederum seine wunderbare Geschäftigkeit. Selbst dem in der Residenz anwesendenbesonnenen Beobachter war es unmöglich, das Wahre vom Falschen, vom absichtlichErsonnenen zu sichten. Verrath, flüsterte es von der einen Seite, lauere an allenEcken und Enden; man ziehe Truppen aus fernen Garnisonen herbei, um die auf-rührerischen Bürger mit Waffengewalt niederzuschlagen. In der That hatte auchdas leichte Reiterregiment in Augsburg Befehl erhalten, vermittels der Eisenbahnnach München zu kommen. Eine Abtheilung lag bereits in einem benachbarten Orte.„Die Stadt ist in Gefahr", erzählte man laut von der andern Seite, „die Bauernder Umgegend haben sich in Masse erhoben, sie stehen bereits vor den Thoren; siewollen die Regierung stürzen, wollen sengen und brennen." Diese selbst in MünchenerFlugblättern berichtete Sage ist vollkommen erfunden, von bewaffneten Landleutenwar nirgendwo eine Spur zu finden. „Die unterste Volksclasse", jammerte die drittefurchtsame Partei, „hat sich erhoben; sie stürmt bereits das städtische Zeughaus; siewill blutige Rache nehmen an den Verräthern und dann über alle Besitzenden her-fallen." „Das verhüte Gott", schrie wie aus einem Munde die Versammlung aufdem Rathhause, wo diese falsche Nachricht verkündet wurde, „das verhüte Gott!Wir wollen die Waffen ergreifen! Wir wollen uns an die Spitze stellen und gegendie Verräther ziehen, die Generalmarsch schlagen lassen, die uns umzingeln und mitKartätschen bedienen wollen."

Fürst Wrede hatte nämlich nach der Abdankung aller Minister auf kurze Zeit(der ganze Zwischenact dauerte kaum eine Stunde) alle Verwaltungszweige in seinerPerson vereinigt. Auf sein Geheiß wurde Generalmarsch geschlagen. Mit Kartät-schen wolle er, diese Worte werden ihm wenigstens in den Mund gelegt, die aus-rührischen Bürger zur Ruhe bringen. In Blitzesschnelle leerte sich der Rathhaus-saal. Die Sturmglocken tönten dumpf und schauerlich, die Bürger eilten zu denWaffen und eine bunte Menge von Studenten, Künstlern und Arbeitern erschiennach kurzem Zwischenraume in wunderlichem, grausenhastem und phantastischem Aus-zuge. Das bürgerliche Zeughaus mußte sein altes aus dem Dunkel der Jahrhun-derte stammendes Geräthe herausgeben, um die ebenfalls aus dem Dunkel der Zei-ten entstammende Willkürherrschast zu Grabe zu tragen. Ritterspieße, Flammschwerte,alte Flinten, wunderliche Säbel, Haubayonnete, Hackbeile, Keulen, Hämmer, großeSchlosserzangen und manches andere friedliche Werkzeug dienten bunt untereinanderam denkwürdigen Tage des 4. März dem an 4000 Mann zählenden Münchener Land-sturm als Schutz - und Trutzwaffe. Der König gab nach, der König mußte nach-geben. Prinz Karl ritt durch die Reihen und verpfändete sein Ehrenwort, daß dieStände am 16. März zusammengerufen werden sollten. „Wir glauben's nicht",entgegnete ein unerschrockener Bürgerssohn von München, „Ihr Bruder hat unsschon so häufig betrogen. Schwarz auf weiß wollen wir es haben." Dies wurde indie Residenz gemeldet und gleich darauf kam ein Stabsoffizier mit einem Zettel:„Die Ständekammern sollen aus den 16. Dlärz einberufen werden, (gez. Ludwig.)"Selbst jetzt noch, in dem Grade herrschte Erbitterung und Mistrauen gegen den

„ Die Erklärung des Fürsten zu Protokoll der Kammer der Reichsrathe (Beilage III deraterhandlungen von 1848) wird keinem denkenden, die Weltverhältnisse überschauenden Mannegenügen.