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Erster Band.
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200 Baiern und sein König Ludwig l.

und hatte eine lange Unterredung mit ihrem königlichen Herrn und Geliebten. DerTag, welcher die unerwartete überraschende Kunde brachte, erweckte neuerdings daskaum beschwichtigte Mistrauen. Man sagte laut auf den Straßen und an öffentli-chen Plätzen, der König habe sich unmöglich gemacht, er müsse abdanken. Mittenunter dieser Aufregung erschienen viele gegen Lola, gegen den Hof und alle Fürstengerichtete Flugblätter, in einer äußerst kühnen rcvolutionairen Sprache abgefaßt, welcheallenthalben auf den Straßen wie in den Wirthshäusern feilgeboten wurden.

Groß war, wie man sich leicht denken kann, die Verstimmung des Monarchen,als er einsah, daß die geliebte Zerstreuung und Unterhaltung dem Volkswillen müßtegeopfert werden. Mit Thränen in den Augen klagte dies der König den wenigenFreunden, den wenigen Lola-Getreuen. Nun sollte ihm überdies von der Volks-stimme ein Ministerium aufgedrungen werden, ein volksthümliches Ministerium, wel-chem man zutrauen konnte, daß es ihm ernst mit der Verfassungsurkunde, mit denVersprechungen der königlichen Proclamation wäre. Diese und andere Gründe, welchein den finanziellen Verhältnissen des Landes liegen und erst in Zukunft aus demDunkel der Nacht an das Licht des Tages treten mögen, bewogen endlich KönigLudwig, am 20. März, vier Tage nach dem Zusammentritt der Reichsstände, zuGunsten des Kronprinzen Maximilian auf die Krone zu verzichten. Die Worte,welche der Herrscher bei dieser Gelegenheit an die Baiern richtete, klingen, um kei-nen härtern Ausdruck zu gebrauchen, wunderlich, unklar und besangen — ein wür-diger Schluß zu seiner ganzen dreiundzwanzigjährigen Regierung. „ Eine neue Rich-tung hat begonnen, eine andere als in der Verfassungsurkunde enthaltene." Wohlan,gefitzt dies wäre wahr gewesen, so hatte ja der Gesetzgeber in dem letzten Abschnitteder Verfaffungsurkunde die Mittel und Wege angegeben, wie sie nach den veränder-lichen Bedürfnissen, nach dem veränderten Geiste der Zeit abgeändert werden konnte.Es war aber diese mittelbar den Baiern aufgebürdete Beschuldigung, als wenn sievon dem Grundgesetze abgefallen wären, und mit dessen Bestimmungen in Wider-spruch stehende Dinge verlangt hätten, durchaus unbegründet. Wenn auch nichtnach dem Wortlaute, so ist doch dem Geiste nach in der Verfassung bereits dasMeiste enthalten, was man angestrebt hatte und noch anstrebt: Freiheit der Gewissen;Gleichheit der Gesetze und vor dem Gesetze; allgemeine Wehrverfassung; Minister-verantwortlichkeit; gleiche Vertheilung der Abgaben und vieles Andere, was man inseiner Tragweite nicht begriff oder was man nicht begreifen wollte. Denn die Folgender Grundsätze aller Verfassungen werden erst nach und nach entdeckt, nach und nachins Leben gerufen. Dies zeigte sich am deutlichsten in der englischen Geschichte ander Fortbildung der Grundgedanken des großen Freibriefs der Nation. Fünf Jahr-hunderte bedurften sie, um in ihrer vollen Wahrheit erkannt zu werden. Sie brach-ten in den wechselnden Zeiten blos so viel Freiheiten, blos so viel Verbesserungenzu Tage, als die wechselnden Geschlechter erheischten und ertragen konnten.

„Treu der Verfassung regierte Ich, dem Wohle des Volkes war Mein Lebengeweiht; als wenn Ich eines Freistaats Beamter gewesen, so gewissenhaft ging Ichmit dem Staatsgute, nnt den Staatsgeldcrn um." Die Geschichte wird dieses Selbst-lob des Fürsten sicherlich nicht bestätigen; sie wird im Gegentheil sagen, man habeabsichtlich mit den Zufallswörtchen der Verfassung ihren Geist erschlagen. Wäredies nicht der Fall, woher denn die vielen Klagen über Verletzung verfassungsmäßi-ger Rechte von so vielen Seiten, unter Anderm von Seiten der Evangelischen, welchenahe an zwei Millionen der Bevölkerung des Reichs ausmachen? Verletzungen, dieso schreiender Art waren, daß selbst das berufene Oberconsistorium, an dessen SpitzeHerr von Roth stand, ein Mann, der, wie die bairischen Protestanten wissen, jedemDespotismus, jeder Verfinsterung und jedem Rückschritt das Wort redete, sich da-gegen erheben mußte. Ein Fürst, der sein Leben in der That dem Wohle des Vol-kes geweiht hätte, der würde sicherlich, wenn die Staatseinnahmen die Ausgaben sobedeutend übersteigen, wie dies in dem letzten Jahrzehend in Baiern der Fall war,dem armen Volke einige Erleichterung gewährt, oder doch wenigstens diese Überschüsse