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Erster Band.
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210 Der pariser Straßenkampf vom Juni 1848.

nen, als eine vorhandene Organisation zu benutzen, die in ihren Sectionen, Briga-den, Lieutenants, Rottenführern u. s. w. ein ganzes Disciplinsystem darbot. DieStaatsarbeitswerkstätten enthielten angeblich über 20000 freigelassene oder entsprun-gene Sträflinge, die wol nicht alle mit bei dem Aufstande waren; aber man darfannehmen, daß unter den Insurgenten die Verbrecher von Profession Diejenigen gewe-sen sind, welche die größte Wuth, den ingrimmigsten Widerstand an den Tag gelegt,und denen hauptsächlich jene grausamen Verstümmelungen der Gefangenen, jene raf-finirten Bubenstücke kannibalischer Wildheit, vor welchen die ganze Bevölkerung nochschaudert, zugeschrieben werden müssen.

Nach dem Anführerpersonal, wie wir es geschildert, ist es nicht zu verwundern,daß ein umfassender und durchdachter Plan zu Grunde gelegt war, der Jedermannbetroffen und sogar die französischen Generale in Erstaunen gesetzt hat. Der Barrika-denkrieg, den das pariser Volk aus häufiger Praxis so gut kennt, daß von einem Mannemit dem Spitznamen: der Barrikadenprofessor die Rede gewesen, erreichte dies maleine wunderbare Höhe der Vollkommenheit; die energischsten Mittel des Belagerungs-krieges mußten angewandt werden, um darüber die Oberhand zu gewinnen, was erstnach vier Tagen und vier Nächten erbitterten Kampfes der Fall war. Die kolossalenBarrikaden, von Nebengassen flankirt oder von dem Feuer der vielfältigen Seiteneines Kreuzwegs bestrichen, die verschanzten und mit Laufgängen untereinander ver-bundenen Häusergruppen, welche die Insurgenten besetzt hatten, die geräumigen Bau-plätze, die sie zu Blockhäusern umgeschaffen, die öffentlichen Gebäude, woraus sieFestungen und Waffenplätze gemacht, der Umstand, daß dies mal die Gefechte sichblos auf gewissen Punkten und in bestimmten Richtungen entspannen, während sonstdie Conflicte immer gleichzeitig überall angingen — alles Das deutet auf ein vorherausgesonnenes und vom Ganzen bis aus die geringsten Kleinigkeiten überlegtes Ope-rationssystem. Dieses System war ganz vortrefflich der Ortlichkeit angepaßt. Da,die Quartiere der Westseite mit ihren breiten, geraden Straßen und geräumigen,zugänglichen Plätzen das Aufmarschiren starker Jnsanteriecolonnen, die Chargen derCavalerie und das Einschreiten der Artillerie in vollem Maße gestatten, so richteten dieInsurgenten nach dieser Seite hin fast gar keinen Angriff, sondern erkoren sich zu«Schlachtfelde die volkreichen östlichen Stadtviertel, die trotz aller erheblichen Verbesse-rungen der letzten 15 Jahre noch immer ein Labyrinth kleiner, enger, krummer, schmalerStraßen, Gäßchen und Sackgassen sind. Hier kann sich die Erneute leicht verste-cken und vertheidigen, während die regulaire Truppe sich darin äußerst schwer zurecht-findet und entwickelt. Außerdem grenzen diese Quartiere an zwei Staatsgebäüde,deren Wegnahme der Emeute gleich eine unberechenbare Wichtigkeit geben mußte:nämlich an das Stadthaus und die Polizeipräfectur. Die vollkommensten Ämter kön-nen einer augenblicklichen Zerrüttung nicht entgehen, wenn sie mit Gewalt aus ihre«gewöhnlichen Locale vertrieben werden, und die bloße Besitznahme desselben gestattet,sie flugs zum Besten der Jnsurrection wieder einzurichten und mit den vorgefundene«Hülfsmitteln nach allen Seiten hin zu handeln. Dazu kommt noch der moralisch!Einfluß der geschichtlichen Erinnerungen und Antecedentien, die gleichsam vorschrei-ben, daß zu Paris eine provisorische Regierung, eine Revolution auf dem Stadt-hause ausgerufen werden muß, wenn sie im öffentlichen Bewußtsein eine Stelle st«den will, wo sie sich befestigen kann.

In vier größere Heeresmassen abgetheilt, deren jede sich etwa auf 6—7000Mann beließ, viele zerstreute Plänklerhaufen nicht mitgerechnet, trachteten die Zn-surgenten mit aller Gewalt dem Stadthause nahe zu kommen, von wo sie dann,wenn ihnen der Sieg zu Theil geworden, die Quais längs der beiden Flußuser biszum Palast der Nationalversammlung hin vorgedrungen wären. Auf dem linkenUfer hielt ein erstes Jnsurgentencorps, dessen Generalquartier im Pantheon war unddas die ganze Straße Samt--Jacques, die Rue de la Cite und die Zugänge der BrückeSamt-Michel und des Petit-Pont besetzte, während weiterhin auf demselben Ufer einezweite Nebcncolonne die Straße Samt-Victor, den Platz Maubert und die Brücke