Band 
Erster Band.
Seite
286
JPEG-Download
 

286 Schamil und der heilige Krieg im Osten des Kaukasus.

Chan von Kuräle, war aus der Gefangenschaft entlassen worden; aber eben deshalbtrauten ihm die Russen nicht und citirten ihn nach Tiflis, während sie seinen Bru-der Zussuff Beg als Chan von Kuräle einsetzten.

1843: Reidhardt; Verlust Awars und Akuschas. 1844: Aufstand des Daniel Beg; Wieder-

eroberung Akuschas.

Während Schamil die Ruhe des Winters 1842 — 43 aufs eifrigste benutzte,die Bewohner lesghischer Gaue, die sich bis dahin gleichgültig gezeigt hatten, für sichzu gewinnen und seine bisherigen Anhänger, namentlich die Tschetschen noch mehrzu sanatisiren, während seine Münden sich sogar nach der Kabarda und Tscherkes-sien begaben, um eine Verbindung mit dem westlichen Kaukasus herzustellen, wäh-rend Alles mit einem Worte die großen Zurüstungen bezeugte, welche Schamil mitseinen Münden traf, schien man in Tiflis und noch mehr in Petersburg mit Blind-heit geschlagen zu sein. Der unfähige Golowin wurde zwar abgerufen und durchNeidhardt, einen General, der sich durch ganz Rußland allgemeiner Achtung undAnerkennung erfreute, ersetzt. Neidhardt hatte Befehl, die Defensive gegen die Berg-völker zu ergreifen. Man glaubte, daß die Reihen von Festungen, welche sich ring-um das feindliche Gebiet ziehen, die Feinde im Zaum halten würden, sah sich aberin der Folge sehr getäuscht. Die Lücken, welche im vorigen Jahre der Feind unddas Klima unter den Russen hervorgerufen hatte, wurden nicht einmal ersetzt; manglaubte eben für die Defensive genug Streitkräfte zu haben, zumal man noch weitermeinte, daß Schamil durch die Kämpfe der beiden vorigen Jahre ebenfalls einiger-maßen entkräftigt wäre und sich nach Ruhe sehnte. Plötzlich brach aber der Stuwim Frühjahre 1843 los. Der Naib des Tschetschen-Landes, Schwaib Mollah, kamaus seinen dunkeln Wäldern hervor und agirte zwischen der Ssunsha- und Terek-,Linie mit einer solchen Keckheit, als sei eben gar keine Festungslinie vorhanden.Allenthalben fast zogen die Russen den Kürzern, und vermochten kaum ihre erst an-gelegten Besten zu retten. Mosdok, die gewichtige Hauptstadt eines ciskaukasische»Kreises, wurde selbst belagert. Nicht minder glücklich waren die Einfälle in demLande der kumückschen Fürsten, wo Hadshi Taschaff die Operationen leitete. Un-geheure Beute wurde in die Wälder geführt.

Noch schlimmer erging es den Russen in Awar, wo Hadshi Murad anfangs dieLeitung führte, sie dann aber an Schamil abtrat. Eine Beste fiel nach der andernin die Hände der Feinde, obwol ein großer Theil der Awaren selbst hartnäckigenWiderstand entgegengesetzt hatte. Nur Chunsak hielt sich, wurde aber von selbstausgegeben, als man die Unmöglichkeit fernern Widerstandes sah. Hauptmann Pas-se! suchte mit seinen Soldaten aufs eiligste Temirchanschura zu erreichen, aber schonbei Ssurjan mußte er ein befestigtes Lager beziehen, um eine glanzvolle Vertheidi-gung gegen bedeutende Übermacht auszuhalten. Während hier Hadshi Murad wie-derum die Kaukasier anführte, hatte Schamil mit bedeutender Macht die Gebirgeüberstiegen und belagerte die Hauptfestung Temirchanschura. Kluke von Klukenau kamaufs eiligste herbei, wurde aber aufs Haupt geschlagen und war selbst gezwungen,in der Festung Rettung zu suchen. Unterdeß war Passek glücklich bis zu dem Paßüber das Gebirge gelangt, wurde aber gezwungen sich hier aufs neue, wenn auchauf einem ihm sehr Vortheilhaften Punkte, zu verschanzen. Mangel an Allem, na-mentlich an der nöthigsten Nahrung, zwang ihn schon, Schamil seine Unterwerfunganzutragen, als plötzlich General Freitag, Chef an der Ssunsha-Linie, herbeigeeiltwar, Temirchanschura entsetzt hatte und selbst Schamil bedrohte. Die Feinde zogensich in Wilder Unordnung zurück und Passek zog triumphirend weiter. Awar be-fand sich mit einem male im Besitz Schamil's. Er schickte nun seine Mündennach Dargo (der Republik), Ssiurgä und Kaitach, um den dortigen Einwohnern dieMternative zu stellen, entweder endlich einmal ihrem Versprechen nachzukommenund sich ihm zu unterwerfen oder ihr Land den Plünderungen preisgegeben zusehen. Die unruhigen Dargoer und Kaitachen hatten schon lange das russische Joch