Schamil und der heilige Krieg im Osten des Kaukasus. 285
über die schwierigsten Punkte gehoben werden. Schamil, der selbst an der Spitzeder Feinde stand, beunruhigte die Russen nicht eher, als bis sie auf einem freienPlatze die Nachtquartiere bezogen hatten; er griff sie hier keineswegs mit Nachdruckan, sondern suchte nur, sie in der nöthigen Nachtruhe zu stören. Am andern Mor-gen ging es weiter. Die Schwierigkeiten mehrten sich, wenn auch bis jetzt der Feindebenfalls nur plänkelte. Erfahrene Offiziere riechen Grabbe umzukehren; aller Rathwurde selbst aber noch überhört, als die Lage der russischen Armee am zweiten Abendschon bedenklich wurde. Nun erst machte Schamil ernstliche Angriffe. Man ging zwarnoch am dritten Morgen vorwärts, gelangte aber immer tiefer in das Innere derWälder. Die Sonne hatte bereits ihren Zenith erreicht, als Schamil sich plötzlichmit seiner ganzen Macht auf das russische Lager warf. Jetzt überzeugte Jedermannsich von der Stärke des Feindes, aber auch von der Unaussührbarkeit der Expeditionund der außerordentlich bedenklichen Lage der Armee. Schamil hatte absichtlich dieRussen bis hierher gelockt, bevor er seine ganze Macht entfaltet, um die Russen umso sicherer zu vernichten.
Der Befehl zum Rückzug wurde gegeben, aber kaum hatte die erste rückgän-gige Bewegung stattgefunden, als die Jtschkeren sich mit einem solchen Ungestümauf die Russen warfen, daß diese gar nicht widerstehen konnten. Gegen Abendwurde der Kamps noch grimmiger; mit dem Säbel in der Faust stürzten sich dieKaukasier mitten in das russische Lager und mordeten mit teuflischer Lust. Die Nachtstellte zwar den Kampf ein, Schamil und seine Streiter gönnten aber den ermatte-ten, von furchtbarem Durst gequälten Russen auch nicht die geringste Ruhe. Amandern Morgen wurde der Kampf gleich erbittert weiter geführt. Die Kaukasierhatten einen russischen Tambour gefangen genommen und zwangen diesen zu trom-meln, um die im Walde weder Wege noch Stege kennenden Russen desto sichererin ihre Hände zu führen. Von neuem stürzten sie aber auch mit dem Säbel inder Faust, aber dieses mal auf das Centrum, sprengten es und nahmen sämmtlicheGeschütze weg. Da ergrimmten doch auch die Russen, und mit wilder Wuth war-fen sich diese wiederum auf die Kaukasier, die einen Theil der Kanonen im Stichließen. Außerhalb der Waldregion wurde der Kampf allmälig schwächer und verlorsich endlich ganz. In dem traurigsten Zustande kamen die Russen nach fünf Tagen inGerselaul an. 2000 waren geblieben und viele starben noch später an den erhalte-nen Wunden. Von 60 Offizieren langten nur 24 in der Festung an. Der FürstTschernitscheff war unterdeß in Gerselaul angekommen und Zeuge von der traurigenNiederlage geworden. Er sah hier mit eigenen Augen, was ein, wenn auch nochso kleines, doch fanatisirtes Volk selbst gegen Übermacht vermag. Er überzeugtesich, daß hier weniger Gewalt als viel mehr die Zeit zu thun vermag und so reisteer in der Absicht nach Petersburg, dem Kaiser von fernern blutigen Kriegen ab-zurathen.
Noch in demselben Jahre hatte Schamil einen zweiten harten Kampf zu beste-hen, ging aber nichtsdestoweniger wiederum siegreich aus ihm hervor. Man erzähltnämlich (aber keineswegs aus officieller Quelle), daß Grabbe sich aufs neue an dieSpitze seiner Soldaten gestellt habe und von Temirchanschura aus in Koißubui ein-gedrungen sei. Schamil habe sich ihm dort entgegengestellt und ihm bei Jgali(eigentlich Jhäli), einem großen Dorfe, eine Schlacht angeboten. Auf beiden Sei-ten floß entsetzliches Blut; die Russen mußten Koißubui verlassen und haben seit-dem den Gau nicht wieder betreten. Wahrscheinlicher ist es, daß der Chef des da-ghestanschen Detaschements, Kluke von Klukenau, diesen Feldzug nach Koißubui lei-nicht Grabbe. Glücklicher waren die Russen im Südosten Lesghistans.Kumuck blieb in ihrem Besitz und wurde aufs eifrigste noch mehr befestigt. Umeure bessere und sichere Verbindung herzustellen, gab Argutinsky auch Befehl, diealten Burgen Kurach und Tschirach, aufs neue zu befestigen. Die fürstliche Fa-mme war zum großen Theil zu Schamil übergetreten und focht von nun an unterdem Murschiden, der alsbald schon den Namen Jmam führte. Nur ArumBeg, der