Band 
Erster Band.
Seite
301
JPEG-Download
 

Der Socialismus und Communismus in Frankreich. 301

sie aber für eine der wichtigsten Erscheinungen in der innern Entwickelung Frankreichshalten. Denn sie ist es, welche den tiefern Sinn aller innern Bewegungen gezeigthat; erst durch sie ist'es möglich den Grund zu verstehen, weshalb diese drei Kon-stitutionen sämmtlich dem französischen Volke nicht genügten, und warum sie nurVorläufer der eigentlich entscheidenden Erscheinungen gewesen sind.

Die vroits äs 1'komms hatten die Gleichheit proclamirt; die erste Konstitutionsollte sie verwirklichen. Allein sie setzte einen Census für Wahlrecht und Wählbar-keit. Sie erkannte damit das Vermögen als die Bedingung für die Ausübung derRechte, welche an sich, ihrem Begriffe nach, Jedem zustehen; sie hob damit dieGleichheit wieder auf, und durch diese Konstitution wurde so zum ersten male derGegensatz zwischen Capital und Arbeit aus der Gesellschaft in das Staatsrecht hin-übergetragen. An den Bestimmungen dieser Konstitution erkannte das Volk, woraufes bei der Einführung eigentlicher Gleichheit zuletzt ankomme; es kam ihm zum Be-wußtsein, daß diese absolute Gleichheit durch das verschiedene Maß des Vermögensbeherrscht werde; die Konstitution selbst hatte damit Alle zum Gegner, welche Gegnerdes Capitals waren. Diese Gegner des Capitals aber waren die Massen, und diesehielten die Gewalt in ihren Händen. Die Verfassung siel demnach durch die Un-zufriedenheit der Massen, weil sie dem Princip der Gleichheit gegenüber zu weniggewollt hatte. Die Konstitution von 1793 nun gab jedem volljährigen Bürger glei-ches Stimmrecht; sie kannte gar keinen Unterschied des Vermögens. Dies genügtedem abstracten Princip der Gleichheit, aber in der Wirklichkeit nur Denen, welchein der That kein Vermögen hatten. Die neue Konstitution rief daher einen ver-zweifelten Kampf der Masse gegen die Begüterten hervor, und dieser Kampf war es,der die Schreckensherrschaft möglich machte. Allein jenes abstracte Princip derGleichheit machte zugleich alle Diejenigen zu Feinden der neuen Verfassung, dieselbst Vermögen besaßen; die Vermögenden brachen die Herrschaft der Lonvsntwnnationale, und mit ihr fiel die Verfassung von 1793, weil sie zu viel gewollthatte. Beide Verfassungen waren in diesem Kampfe nicht einander näher gekom-men; sie standen in zwei feindlichen Heerlagern einander gegenüber. Die neue Ver-fassung von 1795, die wieder einen Wahlcensus einführte und eine gewisse Ver-mittelung anstrebte, hatte gar keine Basis; die Ruhe der Erschöpfung hielt sie al-lein aufrecht. Während ihrer Herrschaft aber kamen beide Parteien zur Besinnung.Die Besitzenden begriffen, daß ihnen und ihrem Principe nur eine feste Staatsgewalthelfen könne; die Nichtbesitzenden, die Proletarier dagegen erkannten, daß sie dasPrincip der Gleichheit nunmehr zur äußersten Konsequenz, zur Gemeinschaft der Güterverfolgen müßten. Diese Erkenntniß ist ein großer Wendepunkt in der neuern innernGeschichte Frankreichs. Die Verschwörung Babeufs vom Jahre 1796 war das Zei-chen, daß von jetzt an beide Richtungen, die Eleichheitsidee und die Staatsgewalt,voneinander getrennt ihren eigenen Weg gehen würden. Es ist bekannt, welchenGang die französische Staatsgewalt einschlug; der geschichtliche Verlauf aber, denandererseits die Gleichheitsidee in der französischen Gesellschaft seit der VerschwörungBabeufs nahm, wird die Aufgabe der gegenwärtigen Darstellung bilden.

Die französischen Socialisten. Samt-Simon und der Saint-Simonismus.

In der Geschichte der Eleichheitsidee treten uns wiederum die beiden Haupt-gedanken, die Idee einer Gleichheit durch die Arbeit und die Idee der Gleichheitdurch Aufhebung des persönlichen Eigenthums, in selbständigen Erscheinungen entgegen.Die erstere dieser beiden Richtungen ist der eigentliche Socialismus, die andere derCommunismus. Betrachtet man die Idee des Socialismus und seine Aufgabe, durchdie Arbeit die Gleichheit der Menschen erreichen zu wollen, so ist es sogleich klar,daß diese Aufgabe nicht durch einen einfachen Gedanken vollzogen werden kann. DerSocialismus, die Arbeit erfassend, erfaßt eben damit das ganze menschliche Lebenund muß, um Das zu können, ein System sein; es gibt keinen unsystematischenSocialismus. Daher ist auch die Geschichte des Socialismus eine Geschichte der