Der Socialismus und Commuuismus in Frankreich. 303
von 1823, enthält den religiösen Theil des Systems. Die Erster« sind beiweitemwichtiger; es ist die erste deutliche Erscheinung des Grundgedankens der Elemente,welche sich in Frankreich zum Kampfe vorbereiteten. Wir können nur ihren wesent-lichsten Ausgangspunkt mittheilen, schon weil auch diese Schriften durch die eigen-thümliche Schreibweise St.-Simon's nicht immer leicht verständlich sind.
In diesen Werken nämlich hat jene allgemeine Wissenschaft, nach der St.-Simoumit dem Opfer seiner ganzen Existenz gerungen, sich in dem Gedanken einer neuenGestalt der Industrie concentrirt. Die Industrie, die arbeitende Kraft der Mensch-heit, ist ihm der wichtigste Theil des ganzen menschlichen Lebens; sie allein machtAlle und jeden Einzelnen reich; ohne die Industrie gibt es keine wahre Entwickelung.Und wie daher am Ende Alles durch die Industrie geschieht, so muß auch Alles fürsie geschehen. Allein der gegenwärtige Zustand der Dinge lehrt das Gegentheil: dieClasse, welche in der Industrie arbeitet, die industrielle Classe, ist noch immer dieletzte unter allen. Die erste Frage ist ihm nun die, wie ein solches verkehrtes Ver-hältniß habe entstehen können; die zweite aber, wie ihm abzuhelfen sei. Die ersteFrage wird von ihm durch die Geschichte beantwortet; die Geschichte zeigt, wie sichdie Industrie allmälig vom Grundbesitz abgelöst und zur Selbständigkeit erhoben, siezeigt aber auch, wie diese Industrie vom Capital bewältigt, ihm unterthänig gemachtworden ist, und wie endlich durch die vermehrten Bedürfnisse der Staaten dieser Besitzan Capitalien zu einer Macht im Staate sich erhoben habe. So ist der Gegensatzzwischen Capital und Industrie, d. h. Arbeit, entstanden. In diesem Gegensatzsteht aber der Stand der Legistes, der Rechtskundigen, in der Mitte, dem Capitaldienend, aber ihm im Herzen feindlich, die Arbeit beherrschend, aber sie erhaltend.Der ganze Zustand der Dinge erscheint ihm demnach als offenbarer Widerspruch,denn das Natürliche ist, daß das an sich Wichtigste auch. für Andere das Erste, daßdie Classe der Industriellen die herrschende im Staate sei. „Und", fügt St.-Simonhinzu, „dieses unternehmen wir; wir unternehmen es, die Industriellen zur erstenStufe der Achtung und der Macht zu erheben."
Es ist nicht schwer, Das zu erkennen, was mit diesen Sätzen eigentlich gesagtwurde: der noch unentwickelte, unklare Gegensatz des Proletariats gegen die Besitzen-den war hier zum ersten mal förmlich ausgesprochen. Es war kein System, wasSt.-Simon gab, aber er war es, der jenen Gegensatz zum Bewußtsein brachte, unddadurch, nicht durch seine übrigen zum Theil bizarren Ansichten, ist er der erste So-cialist Frankreichs geworden: An diesen materiellen Theil seiner Auffassung schloßsich nun der rein ideale, der jene sociale Frage auf den tiefsten Inhalt des mensch-lichen Gemüths zurückführt und sie zum Gegenstand der Moral macht. Jene Erhe-bung der Industriellen nämlich kann ihm nur durch das Eine vollzogen werden, durchdie hingebende Liebe der Menschen untereinander. Diese Liebe predigt St.-Simoudaher in allen seinen Schriften; sie wird ihm am Ende seines Lebens allmälig auseinem Grundsätze der Sittenlehre zu einer Grundlage der ganzen religiösen Welt-anschauung, und in der Überzeugung, daß er zwar nicht eine neue Liebe, wol abereine neue Aufgabe der Liebe predige, entsteht ihm der Glaube, daß er berufen sei,eine neue Religion zu gründen. Diese neue Religion nun ist in dem „biouveau6iu-i8liginsms" behandelt. In der kurzen Schrift gibt er zunächst eine Kritik derbestehenden Religionen, die mit dem Ausruf schließt, daß die Menschen sich verbin-den mögen, das Reich Gottes aus Erden herbeizuführen, indem sie die Religion derLiebe zu einer Religion der Freude und des Genusses machen. Auch hier ist keinfestes, klares Ergebniß gewonnen; die allgemeine Begeisterung muß dasselbe ersetzen,und St.-Simon bleibt seinem Charakter treu, mehr anzuregen und den Weg zu zeigenals selbst ein Bestimmtes zu geben. Allein gerade in jener Zeit, unter dem scharfenund blutigen Drucke der Restauration, bedurfte die Jugend einer solchen Begeiste-rung, und so sehen wir denn am Abend seines Lebens ihn umgeben von einer klei-nen aber muthigen und tüchtigen Schule, der er seine Gedanken zur weiter» Aus-beute hinterlassen konnte.