304 Der Socialismus und Communismus in Frankreich.
Die materielle Lage St.-Simon's war indessen fortgesetzt eine höchst traurigegeblieben. Die härtesten Entbehrungen umgaben sein Alter, und die Verzweiflungbrach endlich im Jahre 1823 in einem Versuche zum Selbstmord aus. Zwar wurdeer gerettet und mußte noch zwei Jahre ein von da an sieches und elendes Leben tra-gen; allein sein Geist blieb jung und kräftig. Endlich am 19. Mai 1825 starb er,noch im Todeskampfe für die Gedanken begeistert, die ihm das Glück seines Lebensgekostet, im Arme seiner Schüler. Ihnen vermachte er das Erbtheil einer Lehre, dieauf der Erde keine Heimat zu haben schien.
Die Schüler St.-Simon's begannen ihre Laufbahn unter traurigen Anzeichen.Sie gründeten zunächst ein Journal, „lls proäuotsur ", das besonders auf die Erhe-bung der Industrie berechnet war, aber keinen Anklang fand. Schon schien sichdas Ganze in nichts auszulösen, als sich der muthige und gläubige Bazard, einfrüherer Carbonaro, der Schule zuwandte. Bazard brachte in die Schule die Ideender wirklichen Welt hinein. Er kannte das Leben und, wußte, wo das Volk litt;ihm war es klar, daß eben jene Unterdrückung des arbeitenden Theils im Volke dieKlage, aber auch die Gefahr der Völker begründe. Mit ihm begann eine neue Epoche:es kam die Zeit, in der die Schule sich theoretisch constituirte und praktische Bedeu-tung gewann. Was man als den St.-Simonismus bezeichnet, das stammt nichtso sehr von St.-Simon selbst, als vielmehr von Bazard und seiner Thätigkeit her,denn Bazard erst hat aus den einzelnen Sätzen seines Meisters ein System, ausden Ansichten desselben eine Wissenschaft gemacht.
Bazard sah aber bald ein, daß man mit einer bloßen Zeitschrift die Sache nichtfördern werde; er begann darum 1828 in der Rue Taranne zu Paris öffentlicheVorlesungen zu halten. Die Menge strömte zahlreich hinzu, und die Ideen der Schulegewannen hiermit Boden. Diese Vortrage sind zusammengestellt in der „ Exposition6s la cloetrins äs 8t.-8iwon" (1829, 2. Bd. 1830). Ihr wesentlicher Inhalt ist "zunächst eine scharfe Kritik des gegenwärtigen Zustandes der menschlichen Gesellschaft.Die Unterdrückung und die Unwahrheit herrscht überall; die Industrie ist wie jederandere Theil ein Bild trostlosen Elends. Es ist hiernach unmöglich, daß dieser Zu-stand der Dinge ein zufälliger, unmöglicher noch, daß er ein von Gott selbst an-geordneter sein sollte. Wollen wir uns eine Lösung dieses großen Räthsels denken,sagt Bazard, so müssen wir vor allen Dingen den tiefern Gang der Geschichte zmAnschauung bringen. Offenbar herrschen in allen Verhältnissen stets zwei entgegen-gesetzte Kräfte: sie herrschen auch in der Geschichte. Die neueste Geschichte zeigtjenen Gegensatz in der Herrschaft des Capitals über die Arbeitskraft, in der „Aus-beutung des Menschen durch den Menschen"; es ist der systematisch geordnete Egois-mus, der dieses Princip zu Gunsten des Capitals zum bestehenden Recht erhobenhat, und der Grundsatz, dem Alle folgen, ist das egoistisch-irreligiöse Wort: „Jederfür sich, Gott für Alle!" Das ist es, was dem Höchsten und Besten im mensch-lichen Dasein widerspricht, und um Dem abzuhelfen, um die wahre Freiheit undGleichheit unter die Menschen zurückzuführen, gibt es nur einen Grundsatz: „diefortwährende Verbesserung des moralischen, intellectuellen und physischen Daseins derzahlreichsten und ärmsten Classe." So steht die Lehre vor ihrer eigentlichen Auf-gabe, die zugleich die Aufgabe ihrer ganzen Zeit war, und die Bazard's Vortragezu lösen versuchen. Wie soll aber jene Emancipation der Arbeit von dem Capital,jene Erhebung des Proletariats denn nun wirklich geschehen? Man mag sie anfan-gen wo man will, immer hat sie einen Hauptgegner, und das ist: die bestehendeVertheilung des Eigenthums. Soll die Arbeit zu ihrem Rechte kommen, so mußman diesem Rechte das Recht des Eigenthums unterordnen, und das Dasein desEigenthums von dem Dasein, dem Maße und dem Werthe der Arbeit des Einzelnenabhängig machen. Zu dem Ende muß zunächst diejenige Übertragung des Eigenthums,welche ohne wirkliches Verdienst des Einzelnen vor sich geht, aufhören. Diese Über-tragung des Eigenthums aber ist das Erbrecht. Es muß demnach das Erbrecht desEinzelnen aufgehoben, und an seine Stelle das Erbrecht des Staats gesetzt werden.