327
Die Realschulen oder höher« Bürgerschulen.
richtssystem, weil in demselben die realen Gegenstände, wie Mathematik und Natur-lehre, über dem Lateinischen und Griechischen, dem Memoriren der Grammatik undanderm Wortkram vernachlässigt wurden. Dem Bürgerstande, der seine Söhne, wenner ihnen eine über das Gewöhnlichste hinausgehende Schulbildung geben lassen wollte,in die Gymnasien und Lateinischen Schulen schicken mußte, konnte der alles Übrigeverdrängende Unterricht in fremden Sprachen aus die Dauer nicht genügen, und diedaraus entspringende Unzufriedenheit wuchs seit dem Anfang des 18. Jahrhundertszwar langsam aber fortwährend, und hatte zunächst die Entstehung einer Mengevon Privatschulen zur Folge. Mit Erfolg arbeitete zuerst A. H. Francke in Halleund seine Mitarbeiter der Alleinherrschaft des formalen Sprachunterrichts entgegen,indem sie nicht nur die Bildung des Gemüths und christliche Frömmigkeit, sondernauch die Unterweisung in für das Leben nützlichen Kenntnissen, besonders aus derMathematik und den Naturwissenschaften, unter die Zwecke und in den Kreis ihresUnterrichts aufnahmen. Den ersten wirklichen Versuch zur Errichtung einer an dieDeutschen Schulen sich anschließenden Realclasse machte aber Chr. Semler in Halleschon im Jahre 1706. Der Versuch misglückte jedoch, weil die Nothwendigkeit einer
Hoffnungen für die Zukunft legte, zu den Waffen, um sich nicht nur die Staatsgewalt, son-dern auch die Welt der materiellen Güter durch einen Kampf auf Leben und Tod zu erobern,um die sogenannte sociale demokratische Republik herzustellen. Der Sieg wandte sich den Hä-hern, historisch berechtigten Classen der Gesellschaft zu, aber,— wie man behauptet hat, dies-mal nur zufällig. Der letzte Ausgang eines solchen Kriegs kann indessen, welchen Ausschlagauch der Zufall für den Augenblick geben mag, nicht zweifelhaft sein. Nie wird die brutaleGewalt und die rohe Verzweiflung, die nur die Armuth und die Ohnmacht des Gemüths unddes Willens bekundet, ohne Weiteres die unermeßlichen Güter und Kräfte der modernen Ci-vilisation unter ihre Füße zu treten vermögen. Obgleich aber das Proletariat besiegt wurdeund im offenen Kampfe wol stets erliegen wird, ist doch darum die große Frage um ein besse-res Verhältniß zwischen Capital und Arbeit, um die Organisation der Arbeit, oder mitanderm Worte, um die sociale Gleichheit, keineswegs beseitigt und aufgehoben worden. DieFrage, vor der nicht nur Frankreich, sondern vor der die civilisirte Welt steht, brennt nachder schmachvollen Geschichte des Juni 1848, gleich einer tiefen, tädtlichen Wunde, heißer alsje an dem Körper und in dem Gewissen der europäischen Gesellschaft, und erfodert ernstlicherals je eine besonnene und aufopfernde Lösung. -Wie aber der Berfasser vor einigen Monatendie Wendung der Dinge nicht vorausbestirnmen mochte, können wir auch jetzt nicht voraussehen,welches Schicksal, welche Gestalt und Entwickelung die Frage in nächster Zukunft haben wird.Nur ein fester Punkt, auf den auch unser Berfasser schon sicher hindeutet, tritt uns hier ent-gegen. Nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Staaten Deutschlands, eröffnet manmit Ernst und Bewußtsein den untern Schichten der Gesellschaft den Weg zur Theilnahmeam Staatsleben durch die Erweiterung der Wahlrechte und der Volksvertretung. DieserSchritt, der allerdings nicht unmittelbar den physischen Hunger stillt, ist jetzt von unermeßlicherBedeutung. Nie wurde in der Geschichte eine solche Erweiterung des Staatsbürgerthumsmit so viel Bewußtsein und aus fo reiner Anerkennung der allgemeinen Menschenwürde ein-geleitet als eben diesmal. Die Demokratien der alten Welt waren Sklavenstaaten, in denendie Menschenwürde ebenso wenig Anerkennung fand, wie jetzt noch in der nordamerikanischcnRepublik; die etwaige Berechtigung des Proletariats in den Freistaaten aus dem Mittelalterträgt nur den Charakter des Privilegiums und hat ebenfalls mit dem Menschcnrecht nichtszu schaffen. Durch Herbeizichung des modernen Proletariats, wie eS oben vom Verfasser be-zeichnet wurde, zum activen Staatsleben, wird die sociale Frage, d. i. näher, die Frage umdas Verhältniß zwischen Capital und Arbeit, den einseitigen Theorien, den Schwärmern, denVorurthcilcn der Pavteigcwaltcn, der befangenen Behandlung durch die niedern Classen selbstentrückt, und auf das Feld einer Gesetzgebung versetzt werden, in welcher alle Interessen, allesittlichen Elemente des Volksgeistes die Factoren für die organische Fortentwickelung des ge-schichtlichen Zustandes bilden müssen. Dieser Gedanke des allgemeinen, vom eigentlichen Besitzunabhängigen Staatsbürgerthums, der in der ersten Französischen Revolution wol geboren,aber nicht ausgeführt wurde, beweist die sittliche Energie und die hohe Bildung der ger-manischen Gesellschaft. Durch die freie und volle Ausführung dieses großen Gedankens wirdsich herausstellen, daß die germanische Welt mehr innern Gehalt, mehr productives Leben insich schließt als die spröde Welt des alten Roms, die, wenn man ihr Schicksal tiefer auffaßt,doch nur durch die sociale Frage, durch das für sie unauflösliche Misverhältniß zwischen Menschund Bürger in den Abgrund sank. Indessen — hüten wir uns hier, dem Verfasser vorzugrei-fen, der später seinem Versprechen gemäß die Frage selbst behandeln wird. D. Red.