Band 
Erster Band.
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S47

David Friedrich Strauß.

heit und das göttliche Ansehen der Schrift (im protestantischen System) das Zeug-niß des Heiligen Geistes; ohne den Glauben an die Offenbarung kann Niemand seligwerden, über ihre Geheimnisse kann keine Vernunft urtheilen. Die neuere Wissenschafthat sich überzeugt, daß die christlichen so gut wie die außerchristlichen Religions-urkunden menschlichen Ursprungs sind; sie weiß das sogenannte Zeugniß des HeiligenGeistes so wenig, als die äußern Beweise für ihre übernatürliche Eingebung stich-haltig zu finden'; sie weiß die Schrift nur nach denselben Grundsätzen, wie jedes andereBuch, auszulegen. Sie kann sich eben deshalb auch von der Wahrheit der in ihrerzählten Wunder, von der Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen nicht über-zeugen; ja sie muß nach ihren Begriffen vom Wesen Gottes und von der Unver-brüchlichkeit des Naturzusammenhangs das Wunder und die übernatürliche Offen-barung überhaupt für undenkbar erklären. Sie kann endlich ebenso wenig die nothwen-digen Consequenzen des Offenbarungsglaubens sich gefallen lassen; sie kann wederirgend eine Elaubensform als unveränderlich und schlechthin vollkommen anerkennen,noch dem Glauben überhaupt, dem dogmatischen Bekenntniß, gegenüber von der sitt-lichen Gesinnung und dem sittlichen Handeln, einen entscheidenden Werth beilegen,noch den Widerspruch dieses Glaubens mit ihrem Wissen sich verbergen. Was weiterden materiellen Inhalt der Dogmatik, und zwar zunächst die Lehre von Gott betrifft,so faßt das Christenthum diese in dem Glauben an eine Drciheit göttlicher Personenneben der Einheit des göttlichen Wesens zusammen. Allein alle bisherigen Versuchezur Erklärung und Rechtfertigung dieses Glaubens beweisen, daß sich fürs erste wederdie Drciheit der Personen denken läßt, ohne drei Wesen, mithin auch drei Götter,zu erhalten, noch die Einheit des Wesens, ohne die Mehrheit der Personen aufzu-heben; daß aber ebenso wenig auch zweitens die wesentliche Gleichheit der Personenmit dem Verhältniß zu vereinigen ist, in dem sie als Vater, Sohn und Geist stehen.Mit Recht hat daher der neuere Rationalismus den Glauben an die Dreipersönlich-keit Gottes aufgegeben. Auch das jedoch, was er nicht aufgeben will, die Einzel-persönlichkeit desselben, steht keineswegs fest, denn eine Person können wir uns immernur im Verhältniß zu andern gleichartigen Personen, und darum nur endlich undbeschränkt denken. Und so zeigt auch wirklich eine nähere Untersuchung der Vorstel-lungen, die wir uns von den göttlichen Eigenschaften machen, daß diese sammt undsonders vom Menschen, von der endlichen Persönlichkeit auf Gott übertragen sind,und daß in demselben Maße, wie wir sie ihrer Beschränktheit entkleiden, auch ihrbestimmter Inhalt, die Qualität persönlicher Eigenschaften, aufgehoben wird.

Als die persönliche That Gottes, als die Folge eines freien göttlichen Willensacts,betrachtet nun die christliche Vorstellung die Weltschöpfung. Allein wie kann, fragtunser Kritiker, Gott überhaupt ohne eine Welt gedacht werden? wie der Gütige ohneeine Offenbarung seiner Güte, wie der Schöpfer ohne schöpferische Thätigkeit? Wieist es auch nur denkbar, daß er die Welt auch anders hätte schaffen, daß er über-haupt in anderer Weise hätte wirken können, als in der von den ewigen Gesetzendes absoluten Wesens gefederten? Kann aber Gott nicht ohne Welt sein, so konnteer dies auch niemals, und die Vorstellung von der Schöpfung als einmaligem Actlöst sich in den Gedanken der ewigen und nothwendigen Offenbarung des Absolutenim Endlichen auf. Sehen wir ferner vom Schöpfer auf die Geschöpfe, so vermögenwir uns nicht blos die übermenschlichen Wesen, welche die Schrift aus der HandGottes hervorgehen läßt, die Engel, ebenso wenig zu denken, als auf der andern Seitedie Teufel, denn die Gebundenheit an den Weltkörper in physischer, das Ineinandervon Gutem und Bösem in moralischer Hinsicht sind wesentliche Eigenschaften allerendlichen Persönlichkeiten: sondern auch über den Menschen vermögen wir uns diebiblischen und kirchlichen Ansichten nicht mehr anzueignen. Denn die Metaphysik wider-legt die Meinung, als ob der Mensch durch eine unmittelbare Schöpferthätigkeit ent-standen sei, die Naturwissenschaft und Geschichte widerlegen die Abstammung allerMenschen von Einem Paare, die Anthropologie widerlegt den Glauben an einensundlosen Urzustand ebenso, wie die Physik die Vorstellungen vom Paradies und der