Band 
Erster Band.
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346
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346 David Friedrich Strauß.

dennoch erreicht: die liberale Regierung wurde durch den „Züriputsch" gestürzt, unddie Gegenpartei kam für einige Jahre wieder aus Ruder.

Strauß war jetzt als Lehrer der Theologie, und so, wie die Dinge damals stan-den, als akademischer Lehrer überhaupt unmöglich geworden. Um so ungehemmter konnteer seine Muße zur Ausarbeitung eines Werks benutzen, „dessen Gedanke schon vor demzum Leben Jesu in ihm erwacht, in der Ausführung aber von diesem überholt wordenwar" — einer Kritik der gesummten christlichen Dogmatik. Plan und Geist dieses Werkssind schon im Titel angedeutet: „Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichenEntwickelung und im Kämpfe mit der modernen Wissenschaft dargestellt" (2 Bde,Tüb. 1841). Die erste von diesen Bestimmungen bezeichnet die Methode, die zweiteden dogmatischen Gesichtspunkt, nach welchem der Verfasser gearbeitet hat. Derunausgleichbar: Widerspruch der christlichen Dogmatik mit der Wissenschaft undBildung unserer Tage ist der Grundgedanke, die Nachweisung dieses Widerspruchsauf allen Punkten des dogmatischen Systems der Hauptzweck seines Werks. Zu die-sem Behuf verfährt er aber nicht sowol kritisch-reflectirend, als historisch-rcferircnd:jener Widerspruch ist ihm nicht ein Ergebniß, das erst durch seine Prüfung der reli-giösen Vorstellungen gewonnen werden müßte, sondern ein solches, das im Bewußt-sein unserer Zeit, in ihrer ganzen Auffassung der von der Dogmatik besprochenenFragen und Verhältnisse schon vorliegt; der Kritiker will nur diesen Thatbestand zurAnerkennung bringen, nur das Resultat der bisherigen geschichtlichen Bewegung ausLicht stellen, oder, wie er selbst sich ausdrückt, über den dogmatischen Besitzstandunserer Zeit dieBilance ziehen, überzeugt, daß keine Macht und kein Scharfsinn Dem-jenigen einen länger» Bestand verleihen kann, worüber die Geschichte schon gerichtethat. Sein Verfahren ist daher ein historisch-kritisches: er verfolgt die Geschichte dereinzelnen Glaubenslehren von ihren alt - und ncutcstamentlichen Ansängen durch ihregesammte weitere Entwickelung bis auf den Punkt ihrer vollendeten kirchlichen Aus-bildung. Er zeigt sofort, wie in ihnen selbst die Keime ihrer Auflösung als innererWiderspruch ihrer Bestimmungen verborgen lagen, wie diese im Verlauf sich ent-wickelten, wie jede der verschiedenen rationalistischen und rationalisirenden Parteienzu dieser Auflösung ihren Beitrag lieferte, wie die neuern Restaurationsversuche vonsupranaturalistischer, Schleiermacher'scher und speculativer Seite nichts erlangen. Ersaßt endlich das Schlußresultat des ganzen dogmengeschichtlichen Processes in der Stel-lung der Hegelsschen Philosophie zur christlichen Dogmatik zusammen, und er ziehtaus diesem Allem, seltener mit ausdrücklichen Worten als mit stillen Andeutungendie Folgerung, daß die Rolle dieser Dogmatik überhaupt zu Ende sei, daß die christ-liche Weltanschauung der modernen Platz machen müsse. Sofern nun Strauß hier-bei weniger selbst redet als Andere für sich reden läßt, scheint er mehr den Histo-riker zu spielen als den Kritiker. Achtet man dagegen auf die Auswahl des geschicht-lichen Stoffes, auf die kunstvolle Anordnung, auf die Feinheit, mit welcher jedeBemerkung der Frühern gerade an den Ort gestellt ist, wo sie die schlagendste Wir-kung thun muß, auf die meist kurzen, aber äußerst treffenden Zwischenbemerkungen,durch welche das historische Mosaik zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft wird,auf die ganze Vertheilung von Licht und Schatten, so sieht man, daß die geschicht-liche Darstellung selbst nur ein Mittel für die Kritik und unbeschadet ihrer Objekti-vität doch ganz vom kritischen Interesse beherrscht ist. Eben dieses ist aber überhauptder Gesichtspunkt, aus welchem das ganze Werk betrachtet werden muß.

Strauß fragt nicht, oder nur vorübergehend nach dem positiven Interesse, welchesdie Dogmen ursprünglich hervorgebracht hat; die letzte Frage ist für ihn nur die Brauch-barkeit dieser Vorstellungen für uns, ihre Übereinstimmung mit unserer Wissenschaftund Bildung. Und da er nun diese nach allen Seiten hin vermißt, so ist sein End-ergebnis: ein durchaus negatives. Das Christenthum führt ebenso wie alle andernReligionen seinen Ursprung auf eine übernatürliche Offenbarung zurück, die es durchWunder und Weissagungen bestätigt werden läßt. Die unfehlbare Urkunde dieser Offen-barung ist ihm die vom Heiligen Geist eingegebene Schrift, der Beweis für die Wahr»