David Friedrich Strauß. 349
wirklichen Geschichte Christi im Verhältniß zu dieser Idee keinerlei wesentliche Wich-tigkeit mehr fürs moderne Bewußtsein. Wenden wir uns weiter von der Ver-gangenheit zur Gegenwart und der jeweiligen religiösen Erfahrung eines Jeden, sosagt diese zunächst im Allgemeinen aus, daß die ganze Welt, wie sie von Gott geschaffenist, so auch von ihm erhalten und regiert wird. Aber wenn man diese Weltregierungauf eine persönliche außerweltliche Intelligenz zurückführt, so wird theils die Selbst-thätigkeit der endlichen Vcrnunftwcscn durch die allmächtige göttliche Mitwirkung ver-nichtet, theils in Folge dessen die Verantwortlichkeit für das Böse und das Übel demgöttlichen Willen aufgebürdet. Das Richtige kann deshalb nur sein, daß wir in derVernünftigkcit der Weltgesetze den Grund für die Vcrnünftigkeit des Weltlaufs undfür die Möglichkeit suchen, uns in jede Lage in der Welt zu fügen; daß wir daherauch auf die Hoffnung einer Gcbetserhörung im gewöhnlichen Sinne verzichten, umuns an der innern Wirkung der religiösen, d. h. von der Idee des Alls getragenenBetrachtung genügen zu lassen. Die religiöse Erfahrung bleibt jedoch nicht bei jenerallgemeinen Aussage stehen, sondern als christliche Erfahrung belehrt sie uns weitervon dem Unvermögen des Menschen zum Guten und von der göttlichen Gnade, derenWirkung sich folgerichtig nur auf einen unbedingten Rathschluß Gottes in Augustin'sund Calvin's Sinn zurückführen ließe, wenn nicht eine unbedingte Gnadenwahl denBegriffen unserer Zeit von der menschlichen Freiheit und der sittlichen Zurechnungebenso sehr widerspräche als eine absolute Verdorbenheit des menschlichen Willens, undwenn nicht der schroffe Gegensatz von Sünde und Gnade einer unbefangenen Betrach-tung sich zu den naturgemäßen Stufen - und Artunterschiedcn der geistigen und reli-giösen Ausbildung abstumpfte. Wie wenig sich von hier aus die kirchliche Vorstel-lung von der Bekehrung und die protestantische Lehre von der Rechtfertigung durchden Glauben festhalten läßt, brauchen wir hier nur anzudeuten, und daß unser Kri-tiker von einem übernatürlichen Charakter der kirchlichen Gnadenmittel, namentlichder Sacramente, nichts wissen will, ebenso nur zu berühren. Daß aber Strauß derKirche überhaupt, als einer besondern, und noch mehr als einer vom Staat gehal-tenen und gebotenen Anstalt ihre Berechtigung in der modernen Welt abspricht, undin dieser Welt auf allen Punkten, und zwar gerade hinsichtlich der höchsten Lebens-gebiete am meisten, eine stille oder ausgesprochene Opposition gegen den Bestand derKirche wahrnimmt, kann nach allem Bisherigen nicht befremden. Wird nun abervollends die Vollendung der Kirche von der Zukunft erwartet, und allen Mängelndes Diesseits im Jenseits ihre Abhülfe verheißen, so weiß Strauß nicht blos die bibli-schen und altkirchlichen Vorstellungen vom Jenseits, von der Wiederkunft Christi,von der Auferstehung, vom Weltgericht, von Himmel und Hölle nicht zu theilen,sondern er nimmt auch schon an der allgemeinen Grundlage dieser Vorstellungen, ander Trennung des Diesseits und Jenseits, den entschiedensten Anstoß, und sucht inscharfer Kritik der hergebrachten Beweise für die Unsterblichkeit zu zeigen, daß einepersönliche Fortdauer nach dem Tode überhaupt nicht denkbar sei, und mit der noth-wendigen Endlichkeit des individuellen Lebens im grellsten Widerspruch stehen würde.Mitten in der Endlichkeit Eins zu werden mit dem Unendlichen und ewig zu sei»in jedem Augenblick, dies erklärt er mit Schleiermacher für das letzte Wort der mo-dernen Wissenschaft in Bettacht dieser Frage.
Mit dem Werk, dessen Hauptergebnisse wir soeben dargestellt haben, hat Straußder Theologie, wie es scheint, den Abschied gegeben, wenigstens hat er sich seitdemnicht mehr anders als in beiläufigen Äußerungen, wie z. B. in der lateinischenVorrede zur englischen Übersetzung seines „Lebens Jesu" (1846), über theologische Fra-gen erklärt. Indessen that Das, was er geschrieben hat, die größte Wirkung. DurchStrauß ist nicht blos innerhalb der Hegelsschen Schule der herkömmlichen Beimen-gung von Vorstellung und Begriff, von Hegel'scher Speculation und kirchlicher Ortho-doxie ein Ende gemacht, die Einsicht in den Gegensatz beider Elemente eröffnet, unddie Scheidung der Schule in eine rechte und linke Seite herbeigeführt worden: son-dern es sind auch die wichtigsten theologischen Probleme mit solcher Entschiedenheit