S5V David Friedrich Strauß.
und Scharfe bezeichnet worden, daß mit ihm eine neue Epoche der deutschprotcstanlische»Theologie beginnt, und die ganze seitherige Entwickelung dieser Wissenschaft mittelbaroder unmittelbar von ihm ausgegangen ist. Die Vertreter der ältern Richtungen muß-ten alle Anstrengungen machen, um ihren Standpunkt gegen seine Angriffe zu behaup-ten; doch haben sie diese apologetische Thätigkeit in ungleich größerm Maße gegen das„Leben Jesu" als gegen die „christliche Glaubenslehre^ gekehrt. Der Erfolg hat bisjetzt ihren Bemühungen wenig entsprochen; es sind dem Kritiker wol einzelne Schwä-chen und Verstöße.nachgewiesen, es sind wol einzelne Partien des kirchlichen Systemsmit neuen Stützen versehen worden, aber gerade die Hauptangriffe von Strauß sind,wissenschaftlich betrachtet, nicht zurückgeschlagen, seine Hauptgründe bis jetzt nicht wider-legt worden. Daß die Mehrzahl der Theologen und Nichttheologen sich nichtsdesto-weniger über diese Gründe hinwegzusetzen gewußt hat, kann natürlich nichts beweisen.Von anderer Seite konnte man Strauß' Leistung deshalb ungenügend finden, weiler weder in seiner historischen noch in seiner dogmatischen Kritik weit genug ging.Strauß' Untersuchungen über das Leben Jesu beschränken sich darauf, die thatsäch-liche Richtigkeit der evangelischen Erzählungen zu prüfen; fragt man aber, woher dasUngeschichkliche in diesen Erzählungen stamme, so gibt Strauß nur die allgemeineAntwort: es ist mythische Zuthat, d. h. es ist eine nach gewissen dogmatischen Ge-sichtspunkten gebildete, in der christlichen Gemeinde entstandene Sage. Diese Ant-wort paßt aber nicht auf alle ungeschichtlichcn Bestandtheile jener Erzählungen,sondern neben der halbbewußten Sagendichtung hat an dieser auch die bewußtereReflexion ihren Antheil, und namentlich im vierten Evangelium geht diese mit demtraditionellen Stoffe so frei um, daß der eigenthümliche Inhalt dieser Schrift weitweniger für das Erzcugniß der mythenbildenden Überlieferung, als der schriftstelleri-schen Kunst und dogmatischen Reflexion zu halten ist. Denn ist, jene Antwort auchan sich selbst zu unbestimmt, denn mag auch die evangelische Überlieferung großen-theils der Sage ihre Entstehung verdanken, so genügt es doch nicht, nur überhauptaus diese ihre Quelle zu verweisen und die Motive der Sagcnbildung nur im All-gemeinen in dem Interesse der Verherrlichung Christi und in alttestamcntlichcn Vor-bildern aufzuzeigen; sondern es war noch genauer zu untersuchen, ob nicht den ver-schiedenen Berichten über die Geschichte Christi noch besondere dogmatische Motive zuGrunde' liegen, welche theils die Entstehung dieser Berichte erklären, theils eine«Rückschluß auf den Charakter und die Stellung der Parteien, von denen sie aus-gingen, und ebendamit einen tiefern Einblick in die Geschichte der ältesten Kirchegestatten würden. Ja es war diese fortgesetzte Untersuchung im Interesse der Geschichts-kritik selbst zu wünschen, indem sich aus einer genauern Einsicht in den Standpunktund die Motive der einzelnen Darstellungen auch wieder ein sehr wichtiger Maßstabfür ihre historische Glaubwürdigkeit ergeben mußte. In ähnlicher Weise ist auch diedogmatische Kritik von Strauß noch unvollendet. Diese Kritik bezieht sich fast aus-schließlich auf die theoretische Auffassung der Religion, auf die religiösen Vorstellun-gen und die Begriffe, worein diese von der dogmatischen Reflexion gebracht wordensind. Die Frage dagegen, wo in letzter Beziehung die Wurzel der Religion im mensch-lichen Geist liegt, welches praktisch-gemüthliche Interesse jene Vorstellungen im Gan-zen und Einzelnen erzeugt hat, wie sich dieses, das eigentlich religiöse Element, zudem dogmatischen System verhält, ob mit dem theoretischen Ausdruck des bisherigenChristenthums auch das Christenthum selbst aufzugeben, oder ob es neuer dogmati-scher Formen fähig ist — diese Frage wird nicht weiter untersucht.
Insofern konnte Strauß wol ein Stehenbleiben bei blos negativen Resultaten vor-geworfen werden, und es war natürlich, daß sich Andere, unter wesentlicher Anerken-nung seiner Ergebnisse, bemühten, diese Lücke zu ergänzen. In geschichtlicher Beziehungversuchte dies Bruno Bauer, indem er im Gegensatz gegen Strauß die Evangelienals das Werk der schriftstellerischen Reflexion darzustellen unternahm. Aber theilsmachte dieser von jenem Grundsatz eine so einseitige und übertreibende Anwendung,daß er, den beglaubigtsten Thatsachen Hohn sprechend, die sagenhafte Ausbildung der