Die bürgerlichen Verhältnisse her ZnLen in Deutschland. 373
dificiren. Desgleichen zeigte er die innere Nichtigkeit des Naisonnements der Regie-rung in Beziehung auf die Lehrstühle für Philosophie und Geschichte aus; er meinte,wenn Spinoza und Mendelssohn sich heute an der berliner Universität habilitirenwollten, so würde diese alle Ursache haben, sich dazu Glück zu wünschen. Unterwiederholtem stürmischem Beifallsrufe drang er darauf, daß die Kirche sich vom Staatekeine Dienste leisten zu lassen habe; ihr Reich sei, wesentlich ein inneres, auf dieinnere Überzeugung begründetes, und jede innere Überzeugung thue ihm leid, wennsie erst durch den Staat zewährleistet werden solle; die Überzeugung müsse im Men-schen vorwalten, und wenn sie nicht in ihm vorwalte, so sei nicht einzusehen, durchwelche Zwangsmittel des Staats sie producirt werden solle. Den Geist des classi-schen Alterthums namentlich wollte er eben nicht im christlich-theologischen Geiste dar-gestellt wissen, sondern so, wie die Alten selbst ihre Zeit betrachtet hätten; wer dasAlterthum benutzen wolle, um kirchliche Theorien daraus zu entwickeln, der werdebei dem Ziele vorbeischießen und den Geist nicht treffen. Unter donnerndem Bravofoderte er die Versammlung auf, sie möge an dem Grundsätze festhalten, von denhöher» Bildungsanstalten, die sich als Sitz der Humanität in Preußen stets aus-gezeichnet hätten, die engen confessionellen Rücksichten auszuschließen. Wenn Statutenaus dem 16. Jahrhundert noch beständen, so sei es eben an der Zeit, auf derenModification im Geiste„des 19. Jahrhunderts anzutragen. Die Zulassung der Judenzu allen akademischen Ämtern, welche nicht ihrer Natur nach das christliche Glau-bensbekenntniß voraussetzen, einschließlich des Decanats und des Prorectorats, wurdemit 222 gegen 181 Stimmen beschlossen; auch sprach sich die Ständecurie für Errich-tung eines besondern Lehrstuhls behuf der Bildung jüdischer Theologen aus.
Anders war die Entwickelung der Sache in der Herrencurie. Vergebens botenauch dies mal die Grasen Dyhrn und Jork, denen sich mehr oder minder entschiedenauch einige andere Mitglieder anschlössen, alle Beredtsamkeit aus, um denselben Erfolgzu erzielen. Ersterer gab dem Cultminister zu, daß die deutschen Universitäten orga-nisch gegliederte Corporationen seien; aber eben zu ihrem Ruhme seien sie über dieBasis thatsächlich hinausgegangen, auf der sie im Mittelalter errichtet worden. Mit Rechtentgegnete er gegen die Änpreisung der englischen Universitäten, daß gerade in diesemEinen Punkte der Deutsche stolz sein dürfe, etwas zu haben, was dem Engländerfehle. Unsern Universitäten verdanken wir es vor allem, daß in Deutschland mehrals anderswo die Idee der reinen Humanität zur Entwickelung gekommen sei, undnur deshalb, weil bei uns die Universitäten anders als in England und Frankreichden Begriff von wahren Uinvsrsitstss literarnm erreicht hätten, von denen kein Fähi-ger ausgeschlossen werden dürfe. Die Namen der Jacobi, Nies, Beer, Mendels-sohn, Gans kamen zu ehrenvollster Erwähnung. Aork machte noch eindringlicherals sein Freund aus die geistige Knechtschaft der englischen Universitäten aufmerksam,deren Grund darin liege, daß man sie zu Dienerinnen bestimmter konfessioneller An-sichten gemacht habe. Er erinnerte an die schöne Zeit des Aufschwungs in Preußen,an die Berufung des als Gottesleugner verfolgten Fichte, an die Stiftung der Uni-versität Berlin, an ihre Glanzperiode unter Hegel. Er bemerkte, wenn die Univer-sität ein organisches Ganze sein solle, so müsse sie auch die Fähigkeit haben, allegeistigen Notabilitäten in sich aufnehmen zu können. Er bekannte, nicht zu begreifen,wie die christliche Bildung in dem griechischen und römischen Alterthume zu findenund zu entwickeln sei, und wie die Philosophie des Aristoteles nach christlichen Prin-cipien vorgetragen werden solle. Allein diese freiern Ansichten fanden in der Herren-curie nur sehr bedingten Anklang. Besonders von katholischer Seite her zeigte sichschroffste Unduldsamkeit. Es wurde geradezu damit gedroht, daß wenn jüdischeProfessoren der Philosophie zugelassen werden sollten, die katholischen Bischöfe denStudirenden ihrer Confession den Besuch der Universität verbieten würden. DasDogma vom christlichen Staat wurde wieder mit Inbrunst ausgebeutet, sodaß aneinen Sieg des Princips der freien Wissenschaft nicht zu denken war. Man mußtefroh sein, daß die Curie die Juden wenigstens zu den ordentlichen Professuren der