Band 
Erster Band.
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Die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Deutschland. 399

Muth bei einem großen Theile der Juden vorherrschend. Sie wird bei ihnen, wie überall,leicht eine Quelle von Verbrechen. Sie hindert die Schulbildung der Kinder undihre sittliche Befestigung. Die Kinder müssen oft im frühesten Alter bei dem Er-werb der Eltern Hülfe leisten, um die Mittel zur Subsistenz zu beschaffen, undwenn die Verdorbenheit der Altern nicht direct auf sie schädlich einwirkt, so leidetdoch ihre Sittlichkeit durch den Einfluß des Umhcrstreifcns, durch die ungünstigstenErfahrungen, welche ihnen im Verkehr entgegentreten, durch das Anschauen böserBeispiele und jedenfalls durch den Mangel eines stetigen Unterrichts." Niemandwird hierin, neben einigen willkürlichen Behauptungen, manche aus dem Leben ge-griffene Bemerkungen verkennen. Indessen verliert der Bericht dadurch an Ge-wicht, daß er nur die Beweisführung für ein vorausgesetztes Beweisthema. ist. Au-ßerdem aber räumt der Minister selbst ein, nicht nur, daß sich seit sechs Jahren dieZahl der jüdischen Verbrecher vermindert habe, sondern auch, daß die einzelnen Ober-gerichte in Hinsicht der Beantwortung der Frage keineswegs einig, vielmehr einigeder Ansicht gewesen seien, daß ein Mißverhältnis der Zahl der jüdischen zur Zahlder christlichen Angeschuldigten nicht bestehe. Daß dem aber in der That so war, dasstellte sich im Verlaus der ständischen Verhandlungen heraus. Es wurde gezeigt, daßauf die mitgetheilte Verbrecherliste kein Gewicht gelegt werden könne. Denn abgese-hen davon, daß die Moralität sich nicht nach Zahlen abschätzen lasse, daß oft einVerbrechen auf der Wage der Moralität viel schwerer wiege als hundert andere, soseien einzelne Arten von Verbrechen in die Liste gar nicht ausgenommen, wie z. B.die Holzdiebstähle und Holzdefraudationen. Die Zahl dieser Vergehen sei sehr be-deutend, und sie seien „nicht weniger wichtig als die in der Liste mitgezählten Steuer-defraudationen. Die Übergehung der Holzdiebstähle gereiche aber den Juden insofernzum Nachtheil, als solche meist von der ländlichen Bevölkerung verübt werden, wel-cher die Juden nicht angehören. Ferner sei nach den Berichten einiger Obergerichtebei Anfertigung jener Liste auf die staatliche Herkunft der Angeklagten nicht Rück-sicht genommen, und in der That seien die meisten dort in Untersuchung gekommenenJuden fremde Juden gewesen. Die mitgetheilte Verbrecherliste gebe daher keinenrichtigen Anhaltspunkt, um danach den sittlichen Standpunkt der Juden zu beur-theilen. Wenn in einzelnen Gegenden etwa wirklich solche Erscheinungen hervortre-ten, so liege der Grund dafür gewiß in besondern Verhältnissen, namentlich,, darin,daß Juden in größerer Zahl gerade derartige Geschäfte betreiben, welche zu Übertre-tungen des Gesetzes verleiten, und es entstände die Frage, aus welcher Seite, wennman Christen, die dasselbe Geschäft treiben, mit ihnen in Vergleichung bringen wollte,die Zahl der Vergehen größer wäre? Ja noch mehr: nach einer Mittheilung desMinisters selbst, die nachträglich in einer Zeitung erfolgte, änderte sich das Verhält-niß um mehr als das Doppelte zu Gunsten der Juden. Dadurch sielen so gewagteBehauptungen, wie die, daß die Juden überhaupt an moralischer Kraft den Christennachstehen u. dgl., von selbst zu Boden. Übrigens räumte der Minister sogar selbstschon in seinem Berichte ein, daß die ungünstigem Ansichten über die Juden aufkeinen absoluten Gründen beruhen, und daß die Vorzüge der Aufklärung und HähernBildung dahin führen werden, die Juden zu veredeln und das Urtheil über sie zu be-richtigen. Dazu kam noch, daß die zum Bericht aufgefoderten Regierungen den sitt-lichen und Culturzustand der Juden ungleich günstiger beurtheilten.

Die Regierungsberichte hoben zwar hervor, wie die Juden sich noch vorzugs-weise mit dem Handel, und beiweitem überwiegend mit dem Kleinhandel, dem Hau-siren oder Schacher beschäftigen, wie der Handwerksbetrieb hingegen Wenige anziehe,obwol hier einiger Fortschritt zu bemerken sei, wie auch Die, welche sich etwa dem Acker-bau widmen, daneben meist immer noch ein Gewerbe, Handwerk oder Handel treiben.Allein man erkannte an, daß das Edict von 1812 doch im Ganzen günstige Resul-tate herbeigeführt habe; besonders günstig sprachen sich darüber die Regierungen zuBreslau und Oppeln aus. Namentlich bemerkte die Regierung zu Frankfurt, daßdie untern Classen der dortigen Bevölkerung bei Christen und Juden von gleicher