L42 Die deutsche Kriegsflotte.
namhafte Flotte besaßen), verließen, nachdem sie einige syrakusische und karthagische Schiffegekapert, die glatte Fläche des Meeres nicht wieder, und ihre Flotten zerfielen erst undverschwanden völlig, als auch das ganze römische Staatsgcbäude selbst zusammenbrach.
Die Deutschen dagegen zogen sich wie Landschnccken völlig wieder in ihr Haus zu-rück, und zwar fast ohne Ursache und Veranlassung noch mitten in der Blüte unddem Wachsthum ihrer Macht. Es gibt wol in der ganzen Geschichte kein zweites Bei-spiel von so spurlosem Verschwinden und spurlosem Untergang einer Kriegsflotte, wie 'es die deutsche Flotte des Mittelalters ausweist. Zwar haben die Portugiesen, dieSpanier, die Genueser, die Holländer, die Norweger ihre Blütezeit auf dem Meeregehabt und wiederum ihren Verfall. Allein selbst in dem Verfall ihrer Kriegsmachtsind doch Spanier, Portugiesen, Holländer, Genueser und Norweger nie ganz wehr-los geworden. In allen Jahrhunderten, bis auf die neueste Zeit herab, haben siedoch immer einige Kiele im Wasser gehabt, sodaß sie wenigstens nie durch ein paar !dänische Kanonenböte hätten alarmirt werden können, wie dies jetzt uns geschehen !ist. Selbst, als Venedigs Republik aus der Reihe der Staaten gestrichen wurde, ^nahm doch Ostreich gleich wieder die Reste auf und sehte daraus eine kleine Flottezusammen, deren es sich in den ehemaligen venetianischen Gewässern bediente. Vonder Flotte unserer alten deutschen Hansa aber ist weder Stumpf noch Stiel übriggeblieben, nichts, gar nichts als die alten Wurzeln gleichsam im Boden, aus demdas Gewächs wieder von neuem hervorsprossen kann, nichts als unsere Bäume im ^Walde, unser Flachs und Hanf auf dem Felde, unsere Äxte und Arme, um das ^Werk von vorn zu beginnen. Eine solche Parallele, müssen wir wiederholen, bietetdie Geschichte uns nirgend. Wehr- und waffenlos wie fette Karpfen unter scharfge-zahnten Hechten und Haien, so schwimmen die deutschen Lastschiffe unter denen derübrigen Handelsnationen im Meer, eine sichere Beute eines jeden Angreifers. „Wenn jeinem Engländer in irgend einem Winkel der Erde ein Haar gekrümmt wird, so istes gewiß, daß dieser Winkel der Erde bald dafür büßen und zittern muß" — so sprachneulich ein Flottenrcdner in einer Versammlung deutscher Männer. Wenn wildeAnthropophagen unsere Landsleute auch mit Haut und Haar verschlängen, Deutsch-land könnte nichts dagegen thun, als ohnmächtige Drohungen vom Lande aus hin-über rufen. Der deutsche Neptun hat keine Gewalt, auch nur den geringsten Win-kel der Erde zu erschüttern, denn wir Deutschen haben es versäumt, ihm seinenDreizack zu schmieden. Er ist ohnmächtig wie ein lupitsr tonans ohne denDonnerkeil.
Es ist noch nicht lange her, daß wir Männer in Deutschland vernahmen, welchediesen Zustand unserer Meeresunmacht als tadellos und erwünscht bezeichneten. Jetztschon klingt uns das fast unglaublich,; allein es ist in der That so. Man konntenoch vor zehn Jahren in unsern Seestädten solche Stimmen vernehmen. Die Ham-burger Blätter hatten fast nichts als Spott und Hohn für die Idee einer deut-schen Flotte. Eine Flotte zu unterhalten, sagten sie, ist äußerst kostspielig; Deutsch- !land thut besser, diese Kosten zu sparen. So unbewaffnct, wie wir sind, vermeidenwir leichter Collisionen mit andern Seemächten. Wir erregen keine Eifersucht, schlüp-fen als gewandte Kaufleute überall durch und helfen uns gelegentlich mit diploma- >tischen Unterhandlungen, oder stellen uns, wo es nöthig ist, unter den Schutz irgendeiner andern Seemacht, für den wir dann keine Ausgaben zu machen nöthig haben.Blühen nicht unser Handel und unsere Handelscomptoire in allen Häfen der Welt,auch ohne den Schutz der Kanonen? Ziehen nicht unsere Waarenflotten ruhig undunangefochten in allen Meeren, auch ohne von Fregatten oder Linienschiffen begleitetzu sein? Wir haben es jetzt selbst erfahren, wohin wir mit dieser Politik, mit derVerfechtung solcher Ansichten gerathen sind, die weiter nichts waren als ein Productdes langen Friedenszustandes, den wir uns als etwas Natürliches und Nothwendigeszu betrachten gewöhnten — weiter nichts als liebliche. Selbsttäuschungen und Sire-nengesänge, mit denen wir uns in Schlummer wiegten. Unangefochten segelten un-sere Schiffe in allen Meeren, so lange man sie unangefochten lassen wollte. Wer