Band 
Erster Band.
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446 Die deutsche Kriegsflotte.

die andern deutschen Bundesstaatcn den Küsten naher gebracht. Man lernte selbstim Innern von Deutschland das Meer und seinen Vortheil näher kennen. Aus die-sem Innern Deutschlands wanderten außerdem jährlich Tausende von Deutschen nachAmerika aus, die mit dem Meere und mit einer Seemacht (Amerika) bekannt wur-den, und auf mancherlei Weise dann, sei es bei persönlicher Rückkehr, sei es durchCorrespondenz, den Samen zur richtigern Beurtheilung der Meeresangelegenheitenim Innern unsers Vaterlandes verstreuen mochten. So kam es denn, daß auch dieBinnendeukschen das Feuer der Flottenbegeisterung bei uns schürten, und sich fast inhöherm Grade als die Küstenbevölkerungen erstaunt zeigten über die Vernachlässigungdieses Theils unserer Nationalstärke. Alle diese sich häufenden Umstände haben hin-gewirkt, daß wir endlich erwachten, daß wir, nachdem viele einzelne Stimmen, Listund andere Prediger in der Wüste, sich abgemüht hatten, uns die Sache ans Herzzu legen, einsahen, wie nach dieser Seite hin etwas gethan werden müsse. Alleinvon der Einsicht eines Volks bis zu dem Entschlüsse, die Hand ans Werk zu legenund Opfer zu bringen, ist es immer noch weit. Dazu, daß die Deutschen ihrenGeldbeutel zogen und das Beil in die Hand nahmen, war noch nöthig, daß wir vonden Dänen so empfindlich gestochen und gestachelt wurden, wie es jetzt geschehen ist,daß wir ihre Kanonen vernahmen und ihre Schiffe frech und frei vor unsern Küsten,uns ins Angesicht spottend, manoeuvriren sahen. Dies endlich ist der Sporn gewor-den, den wir tief in unserm Herzen empfinden. Dies hat das Maß voll gemacht, ^

und überall im Vaterlande strömen endlich von allen Seiten Beiträge, zeigen sichguter Wille, Eifer und Kräfte, um die Flotte zu bauen, die wir unserm Feindeentgegenschicken wollen.

Wir befinden uns jetzt in einer Lage, in der sich auch andere Volker schon be-funden haben. In den punischen Kriegen gab es für die Römer einen viel ängstlichern ,Moment: sie hatten ihre ganze Flotte verloren. Auf allen Meeren, vor dem Hafenvon Rom selbst kreuzten die Triremen ihrer Gegner. Auch zu Lande war die Stadtvon den Karthagern bedroht. Aber die Römer machten in dieser außerordentlichenBedrängniß außerordentliche Anstrengungen. Ihre Bürger und Frauen brachten ihregoldenen und silbernen Schätze dar. Holz wurde zusammengerafft, wo man es fand.Alles legte Hand ans Werk. Man nahm eines der gefangenen feindlichen Schiffeauseinander. Man copirte seine Construction. Wer etwas vom Handwerk verstand,schmiedete und zimmerte, und binnen 60 Tagen brachten so die Römer eine Flottevon 100 Quinqueremen und 300 Triremen zu Stande, stellten ihren Admiral Dui-lius an die Spitze und trieben die Afrikaner nach einem entscheidenden Siege aus ihrenGewässern. In den Kriegen mit ihren Nebenbuhlern, den Genuesern, hatten die Be-netianer einst einen ganz ähnlichen Augenblick der Angst. Die Genueser hatten sämmt-liche Schiffe der Republik aus dem Felde geschlagen und sie entweder vernichtet odergenommen. Wie die dänischen Fregatten auf unsern Rheden, hatten sich die Genueserin den Lagunen des Dogado selbst festgesetzt. Sie hatten, ganz in der Nähe der Lagu- ^nencapitale, die venetianische Stadt Chioggia erobert, hier ihr Hauptquartier auf-geschlagen, und beschossen und peinigten nun die schöne Venetia ein ganzes Jahrhindurch. Den Venetianern war außer wenigen Booten keines ihrer Schiffe geblie-ben; sie hatten sogar ihre Matrosen und Seehelden durch Tod und Gefangenschaftverloren. Sie mußten ihre Schöpfung, an der sie 1000 Jahre gearbeitet hatten,ganz von Grund aus wieder beginnen, denn sie besaßen von ihrer Flotte ebenso wenigStumpf und Stiel, wie wir von unserer alten, vor 300 Jahren verloren gegan-genen hanseatischen Marine. Die Venetianer besaßen nur noch die Räume ihrerAdmiralität und die alten Stapel; aber sie säumten nicht und führten das Werk ausunter den ungünstigsten Verhältnissen. Alle Bürger eilten, wie in Rom, herbei,dem Staate ihre Schätze und Dienste anzubieten. Man that goldene Trauringe undArmspangen und silberne Gesäße zusammen. Das Holz aus Dalmatien schmuggelteman nach und nach in kleinen Partien in die Stadt. Weiber und Greise, selbst dievornehmen venctianischen Nobili, Patricier und Dogensöhne, griffen zum Beile und