Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands. 473
jene kleine Insel, welche etwa vier Meilen von der Dünamündung entfernt ist. Na-her an dem Ausfluß der Düna errichteten die Kauffahrer ein Lagerhaus, eine„Riege". Daraus wuchs die Stadt Riga, deren ältestes, in seinen Grundfestennoch übriggebliebenes Gebäude der Dom ist.
Es kann hier nicht unser Zweck sein, die Erwerbung des Landes von der kuri-schen Nehrung bis an die Narowa im Einzelnen zu verfolgen. Allgemeine Umrissemüssen genügen, um eine Grundlage zu gewinnen, von welcher aus zunächst die in-nern Zustände der Ostseeprovinzen, dann ihre Stellung zu Rußland und ihre Be-ziehung zu Deutschland ihre Erörterung finden. Riga war der Mittelpunkt, vonwo die Erwerbungen und alle großen Bewegungen dieser Lande ausgingen. Schongegen Ende des 12. Jahrhunderts (1188) hatte die Mutterstadt Bremen, welchedie Wichtigkeit dieses Punkts als Vermittelungsplatz des bereits nach Nowgorodund Kasan seine Bahnen ziehenden Hansehandels rasch erkannte, einen Bischof dort-hin gesendet, damit aus dem Lagerhaus und dem Dom eine Stadt werde. Es ge-lang jedoch erst dem Nachfolger des ersten Bischofs Meinhard, dem wunderbarthatkräftigen Albert von Apeldern (1190), indem Dänemark und andere nördlicheStaaten sich dem Unternehmen anschlössen. Innerhalb der Mauern mit der Vor-halle eines Meeres kräftigte sich das bürgerliche Leben; außerhalb derselben drangdas christliche Kreuz unter dem Schutze des deutschen Schwerts immer weiter vor.Mit dem Vorschritte des Christenthums wuchs jedoch auch der Widerstand der heid-nischen Ureinwohner. Bischof Albert stiftete darum den Orden der „Streiter Christi",welchem er zugleich ein Drittel des eroberten und zu erobernden Landes als Besitz-khum zuwies: dies wirkte. Nach kaum 20 Jahren bestanden bereits Bisthümer zuDörpt und Ösel (1220 und 1224); die Meister der Kreuzritter nahmen ihren Herr-schastssitz in Wenden; der Bischof von Riga selbst erlangte deutsche Reichsfürsten-
> würde. Aber damit hatte er doch nicht genug gewonnen, um auch ferner der an-gewachsenen Macht der Ritterschaft die Wage zu halten. Der schwere Hader zwi-schen beiden Gewalten um das Regiment bildet eigentlich die ganze Geschichte dersogenannten Ritterstaaten, bis endlich die allgemeine Einführung des ProtestantismusLiefland, nebst dem im 13. Jahrhundert ebenfalls eroberten Kurland mit Semgallen undEsthland, zu wirklichen Ritterstaaten machte. Doch schon vor dem Erscheinen des Pro-testantismus, welcher übrigens wiederum von Riga ausging, hatte der innere Ver-fall des Deutschen Ordens in Preußen auch in den Ostseeprovinzen gleiche Zuständenach sich gezogen. Die Souverainetätslust der einzelnen grundbesitzenden Ritter zer-splitterte die Gesammtmacht des baltischen Ritterstandes. Die Aufhebung des eini-genden Einflusses der katholischen Consession unter einem Erzbischof zu Riga durchden eindringenden Protestantismus beschleunigte den Verfall, indem damit vollendsder erhaltende Grundgedanke des Ritterstandes verloren ging. Vom Süden dräng-ten die Polen, vom Osten die Russen heran; diesen entgegen vereinte sich Schwedenmit Polen, und das Ende war, daß Liefland zu schwedischem und polnischem Besitzgetheilt ward, Esthland unter dänische und russische Botmäßigkeit kam, nur Kurlandsich unter dem Schutze der Eifersucht der vier nordischen Mächte als sogenanntesselbständiges Herzogthum rettete.
i Aber schon der erste Herzog, der letzte Meister des baltischen Schwertritteror-dens, welcher (5. März 1362) auf dem rigaschen Schlosse dem polnischen Gesand-ten Radziwill die Ordenssiegel, das Ordenskreuz, die Ordensurkunden und die Schlüs-sel der Heermeister überreichte, erhielt sein Herzogthum nur als polnisches Lehn. DerBesitzbestand der ehemaligen drei vereinten Ritterstaaten war jetzt folgender: ZarIwan Wasiljewitsch H. von Rußland hielt das ganze Bisthum Dörpt, Alantaken,Theile von Wierland und Jerwen nebst Narwa besetzt; Erich XIV. von Schwedenklammerte sich an den ihm gebliebenen Rest von Jerwen und Wierland nebst Har-rien rmd Reval; Herzog Magnus von Holstein hatte sich inmitten der KriegsläufeAst* Hsrrn von Osel, der Wieck und des Stifts Pilten in Kurland aufgeworfen.
i Die Länder vom rechten Dünaufer erkannten Sigismund August von Polen als