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Erster Band.
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Die deutschen Ostfteprovinzeu Rußlands.

. Herrscher an, die am linken den Ritter Gotthart Kettler als Herzog von Kurlandund Semgallen; Riga lag inmitten dieser Besitzthümer beinahe als unabhängigerFreistaat, von Allen habgierigen Auges betrachtet, von Keinem dem Andern gegönnt.Daß dieser Stand der Dinge nicht haltbar sein konnte, war vorauszusehen; dazukam, daß Polen nach wenigen Monaten schon zum Wahlkönigreich wurde. Derschwedisch-polnische und schwedisch-russisch-polnische Krieg wurde zum größten Theilauf livischcm und esthnischem Boden ausgefochten, drehte sich um dessen Besitz undzog natürlich das polnische Lehnherzogthum Kurland in seine Wirren. Dadurch ^lockerten sich auch hier alle Bande der Vasallen zum Herzog. Jeder „edle Herr" ^d. h. grundbefitzende Adelige stand bald neben dem Schattcnherzoge souverain da.Diese Freiherren wandten sich im Laufe des Kriegs bald zu Polen, bald zu Schwe-den, wo eben ihrer souverainen Freiherrlichkeit die meiste Vergünstigung lockte. Schwe-den ermattete freilich, Polen sank auch immer mehr zusammen, dagegen gewannRußland das Übergewicht. Esthland war schon in seiner Hand, Licfland erobertePeter I., der Mannsstamm der bereits von russischem Einflüsse beherrschten Kuren-herzoge starb aus. Da führte die überlebende Witwe des letzten Kettler einen Dienst-baren, den Sohn des herzoglichen Försters Biron im Goldingenschen Walde, ausdem Marstall durch ihr Schlafgemach aus den verwaisten Herzogsthron, und russischeRegimenter hielten durch drohende Besetzung der Landesgrenze die dem Adel abge-zwungene Wahl dieses Herzogs Biron aufrecht, dem man einen französischen Stamm-baum als Stütze unterschob. Fern vom Lande in der russischen Residenz lebend,bald von-der Zarin mit Gnaden überhäuft, bald in die Verbannung hinausgestoßen, .ließ er in seinem Reiche nur russische Befehle gelten. Sein Enkel endlich verkauftedas Land um eine Leibrente von 36000 Thaler, und eine eigenmächtig vorschreitendeDeputation der kurischen Ritterschaft legte es bedingungslos der Kaiserin Katharina IIzu Füßen. Damit verschwand der letzte haltlose Rest jenes großen Ritterstaats, Iwelcher als Gesammtstaat bestimmt gewesen wäre, dem slawischen Osten ein unüber-windliches Hinderniß seiner europäischen Geltung zu werden, dagegen Deutschlandfraglos zur Großmacht Mitteleuropas zu machen.

Trotz dieses Verlaufs ihrer Geschichte sind wir gewohnt, diese Ostseeanlandc inrussischem Besitz als „deutsche" zu bezeichnen. Und wir haben ein Recht zu dicht !Bezeichnung. Denn der tüchtige Sinn deutscher Bürgerlichkeit verstand im Augen-blicke ihrer Auffindung die Wichtigkeit der wenig einladenden Lande; der allerdingswol nicht uneigennützige Glaubenseifer einer deutschen Stadt gewann die heidnischen ^Barbaren dieser Gegenden dem Christenthum; die deutschen Schwertritter verspritztenihr Blut gegen die Heiden, um diese der Kirche Unterthan zu machen. Wir wollenindessen nicht schönreden. Mehr als um Alles war es damals dem deutschen Bür-ger um Ausbreitung des Handels, der Geistlichkeit um neue Pfründen und vollendsdem Schwertritteradel darum zu thun, das Kreuz der eigenen Hablosigkeit abzu-schütteln, indem er das Kreuz mit seinem Schwert aufrichtete. Indessen dürfen wirauch nicht vergessen, daß das Bewußtsein so materieller Zwecke wenigstens in derersten Zeit der hierher gewendeten Kreuzzüge keineswegs nackt und baar ausgeprägtwar. Es wirkten vielmehr bei diesen Zügen Nachklänge des streitbaren Glaubmsci-fers, welcher Europas streitbare Männer in den wirklichen Kreuzzügcn nach dem lOrient getrieben hatte. Und die Kämpfe waren hier wahrlich weder leicht noch uu-blutig. Es waren wirkliche Glaubenskriege. Man hat dieses Moment bei Best«- j.chung der baltischen Eroberungen in der Geschichtschreibung meist allzu sehr außer ^Ächt gelassen. Man hat nur immer davon gesprochen, wie die Letten, Esthen, Li-ven und Kuren als rohe Ackerbau- und Hirtenvölker von den gewaffneten und ge-wappneten Deutschen mit leichter Mühe besiegt worden seien, da sie ihnen weder einewirkliche Waffenkunst noch irgend einen geschlossenen Staatsorganismus entgegenzu-setzen gehabt hätten. Dies gilt jedoch nur theilweise, nur von den Letten und EsthenLief- und Esthlands. In Kurland war es anders. Dort hat es volle 400 'Jahre ,von der Entdeckung des Landes an gewährt, bis endlich Konrad von Herzogenstcin,