Band 
Erster Band.
Seite
475
JPEG-Download
 

Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands. 475

Heermeister zu Mitowa (Mitau), sich Herr des Landes zwischen derDüna, Lithauenund der Ostsee nennen konnte (1290). 117000 „Kämpfer Christi" waren hinge-

streckt worden, und der Stamm der Kuren war theils aufgezehrt, theils unter denstammverwandten Lithauern zerstreut, als dies Ende herankam. Zu so hartnäckigerGegenwehr hatte dieselben allerdings ein allgemeiner, wenn nicht politischer, dochtheatralischer Verband gekräftigt. Ein Oberpriester, der Krive, wohnte tief in denUrwäldern, jedem profanen Auge unsichtbar, nur für seine Diener, die Krivaiten,zugänglich. Er empfing seine Eingebungen unmittelbar von Perkohns, dem Gottdes Donners, und seinen Befehlen, welche die Krivaiten verkündeten, folgte überallder unbedingte Gehorsam; denn auf den Ungehorsamen schmetterte Perkohns dieschwersten Strafen herab. Die Krivaiten heiligten den Krieg. So wogten dieKämpfe des freien Heidenthums, welches sich göttlichen Befehls bewußt war, gegendie herandrängende Übermacht des Christenthums, welches sich gleichsam göttlichenBerufs erachtete. Die Knechtschaft, in welche man die besiegten Völker versenkte,war ein Übergriff des seiner Kräfte bewußten Ritterthums und jener Scharen vonVettern, Ohmen und Sippen, welche den für des Glaubens Ehre und den Besitzdes Ordens (nicht des Einzelnen) siegenden Schwertrittern hungernd, land- undherrschgicrig nachzogen. Eine Bulle Gregor's IX. und ein kaiserliches Schreiben Frie-drich's II. erklärte sogar die Völker „in den mitternächtigen Regionen Liefland, Esth-land, Preußen (das heutige Ostpreußen) und Kurland" unter den besondern Schutzdes Heiligen römischen Reichs und gestand ihnen auf ewige Zeiten „die Freiheit undjene Rechte zu, deren sie sich bisher bedient" hatten. Allein der Orden deutete diemit den Üreinwohnern geschlossenen Unterwcrfungsbedingungen, wie es eben der Geist-lichkeit und den Rittern genehm war; wo das unleugbare Wort vorhanden war, daward es „nach dem Erfoderniß der Umstände" (politlgus 6s oonvsrmnoss!) zumVortheil des Stärker« umgestoßen. Es ist immer das alte Spiel, wie wir es nochheute sehen; nur daß es sich damals unter rauhem Formen entwickelte. Bekanntlichward Leibeigenschaft der Ürvölker das Ergebniß im baltischen Lande. Sie verkümmer-ten unter OOOjährigem Druck, und heute lastet Rußlands eiserne Hand auf den Herrendieser Sklaven, macht sie selbst zu Sklaven, nachdem es die Bauernfreiheit (1817)unter den lauen Beistimmungen der baltischen Landtage nur geschaffen/ um destosicherer mit Hülfe der Ürvölker deren Herren unbedingter Herr zu sein.

Die baltischen Städte.

Nicht die Schuld der ersten Eroberer, sondern ihrer Nachkommen ist es, daßAlles so gekommen ist, wie es gekommen. Sie haben die vorgefundenen Nationenrein als Material verbraucht, nicht den Menschen in ihnen anerkannt, keinerlei Cul-tur aus ihren rohen Zuständen entwickelt. Die katholische Kirche, so lange sie herrschte,hat es mehrmals versucht, den Letten und Eschen Freiheit und selbst Grundbesitz-rechte zu erwerben. Aber sie hatte nicht Kraft genug dazu. Sie hat es allerdingswol schwerlich ehrlich damit gemeint; sie wollte,, damit, wie heute Rußland, wahr-scheinlich nur eine Gegenmacht gegen des Adels Übergewicht aufstellen. Aber indemsie diese Fragen anregte, beraubte sie den Adel für sein ferneres Verfahren des ein-zigen Entschuldigungsgrundes. Wenn die deutschen Ostseeprovinzen wirklich auf im-mer für das deutsche Element verloren gehen sollten, so wäre dies die Vollendungeiner geschichtlichen Schicksalstragödie, wie sie in gleicher Klarheit wol nirgend alsauf diesem abgeschiedenen Winkel der Erde abgespielt worden ist. Es wäre die furcht-barste Nemesis, welche jemals die Hintansetzung des nationalen Interesses wegensippschaftlicher Sonderinteressen getroffen hätte. Denn der Adel unterdrückte nichtnur bis aus die neueste Zeit die von ihm besiegten und ihm national nicht verwand-ten Völker. Nein, er ließ sogar auch das bürgerliche Element der ihm stammver-brüderten Städte durchaus nicht zu einem ausgreifenden Wirken kommen. Wo esnicht von Anfang an, d. h. vor der Alleinherrschaft des Adels, sich mit vorwiegen-der Kraft consolidirt hatte, da ist es vollkommen bedeutungslos geblieben, ja wieder