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Erster Band.
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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.

gegen die Städte festgehalten wurde, welches einen irgendwie bedingenden Einflußderselben auf die Ureinwohner des Landes fast unmöglich machte. Die Gestaltungeines solchen Einflusses lag auch niemals im Interesse der grundbesitzendeu Ritter-schaften. Es konnte nicht in seinem Interesse liegen, weil eine Transpiration derverhältnismäßig freien Zustände der städtischen Bevölkerung auf die leibeigenen Ur-einwohner jedenfalls ihre Alleingeltung und Alleinherrschaft gefährdet hätte. Siehatten, und selbst bis in die neuesten Zeiten, nicht Verständniß genug für ihre Lagegehabt, um gleich den ostprcußischen Deutschen (welche bekanntlich gleichermaßen alsEroberer mchtdcutschcr Landstriche eingezogen sind) die Leibeigenen durch Gemeinsam-keit des Lebens an sich zu fesseln und für sich zu gewinnen; so mußten sie also durchvolle 600 Jahre fortwährend daraus bedacht sein, diese unbedingt zu beherrschen.Darin lag, nachdem einmal solch ein fehlerhaftes und frevelhaftes Princip angenom-men war, die einzige Möglichkeit ihrer Existenz. Dies ist jedoch eben auch derGrund, weshalb heute, da den Letten und Esthen die persönliche Freiheit kam, dieGefahr einer vollen Austilgung des deutschen Elements im baltischen Flachlande sounermeßlich groß erscheint.

Die Ureinwohner des Landes und die Deutschen.

Als die Letten, Esthen, Kuren und Liven zu Ende des 13. Jahrhunderts vonden Deutschen vollständig besiegt waren, bildeten sie eigentlich bereits keine Völker-schaften mehr. Die Verwandlung des „Gebiets" jedes Grundbesitzers, mochte dieser! Klerus, Orden oder nur einfach Freiherr heißen, in einen absolut beherrschten Ein-i zelstaat hatte sie in lauter zusammenhanglose Sklavcnhaufen zersplittert. Überdieswaren schon damals, wie es scheint, von den (mit den Lithauern stammverwandten)

, Kuren oder Kurome nur noch wenige Reste aus dem Vertilgungskrieg übriggeblie-1 ben, als deren einzige Nachkommen die später „Wegen ihres treuen Dienstes für denOrden in Landkriegen und schweren Fehden" mit der Freiheit und dem Grundbesitz-recht beschenkten „Kurischcn Könige" (Kurske Koning) in der Gegenwart angesehenwerden, welche sieben dorfahnlichc Häuserhäuflein zwischen Hasenpoth und Goldingenbewohnen. Auch die Liven, früher so mächtig, daß sie Liefland (Livland) den Na-

> men gaben, scheinen damals ein bedeutungsloses Volkshäuflein aus der Nordspitze^ von Kurland gewesen zu sein, wo ihrer heute noch etwa 2000 als ein von den be-i nachbarten Letten mannichfach verschiedener Stamm zusammenwohnen.*) Die Let-ten und Esthen hatten dagegen bereits vor dem Eindringen der Deutschen nicht Ge-meinsinn und Kraft genug zu den Ansangsbildungen eines Staats gehabt und zerfielen

^ nunmehr vollends in einzelne Familien. Wir lesen in der That auch nirgend, daßsie dem erobernden Schwert der Christen nur einige Energie entgegengesetzt haben.Wie sollten sie auch? Nicht in Dörfer versammelt, nicht in Gemeinden gefaßt,

^ wohnten sie in den über die Felder, Haide, Wiesen und durch die Wälder dünn ver-streuten Hütten. Alle Lebensbedürfnisse, alles rohe Arbeitszeug verfertigte sich jederEinzelne selbst. Im Umkreis seiner Hütte bauete er, was er zur Leibes Nahrung^ und Nothdurft brauchte, und weiter war sein Streben nie gegangen. Selbst die- heidnische Religion, bei den Esthen dem finnischen Heidenthum ähnlich, bei den Let-

> ten nach der indischen Mythologie hinneigend (weshalb auch mehre gelehrte Ethno-graphen die Letten gern zu einem nach Europa gewanderten Pariavolke machen wol-len), scheint keinen über die ganze Ausdehnung des Volksstamms gleichartigen Charaktergehabt zu haben. So besaßen sie gar keinen gemeinsamen Halt in den erschreckendflachen Haideebenen und in ihren Wäldern, als jeder Einzelne sein Eigenstes — die

nnsliebig betrachtete Ausnahme. Es besitzt ein paar „Gebiete", und beschickt darum den livi-schen Landtag mit zwei vollberechtigten Abgeordneten. Erst nach langen Kämpfen konnte?diese dort unbehelligt ihren Sitz einnehmen und ihr Stimmrecht üben.

) Ausführlich behandelt die Völkerschaften und Bolksreste der baltischen Provinzen Bud»deus m seinem überhaupt empfehlenswerten Buche „Halbrussisches" (Leipz. 1817).