480 Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.
Familie und die Hütte. Jene tastete die Eroberung nicht an, diese ließ sie dem ehe- !maligen Besitzer zur Wohnung; die christlichen Priester verlangten überdies von denHeiden nichts, als daß sie sich taufen ließen und die Förmlichkeiten des neuen Cul-tus beobachteten. Die aus Schwache hervorgehende Schmiegsamkeit, besonders des ^Letten, fand sich wol in diese Formen, wahrend doch gleichzeitig seine zähe An-hänglichkeit an das Ererbte in seinen? Innern den alten heidnischen Glauben festhieltund den neuen Christengott (Deewing) mit dem Gott des Donners, die MutterGottes mit der Erdmutter, den Sohn Gottes mit irgend, einem Nachkommen des >Donnergottes irgendwie in eine annähernde Verbindung brachte. Die übermüthigeHerrschaft der Ritter ward ebenfalls fraglos gelitten, und so kamen diese Urvölker !in jene gänzliche Abhängigkeit, welche ihr ferneres Leben traurig genug charakterisirt.
Es ist höchst merkwürdig, daß sogar in den zahlreichen Volksliedern derselben keineklare Erinnerung an bessere Zeiten vorhanden ist. Nur in den Märchen und Sagenwiegt sich mitunter das Behagen eines weichen, liebereichen Lebens ohne Lasten undMühen, also wol die dunkle Erinnerung an eine Zeit, welche derjenigen vorhergeht,die uns die Geschichte aufbewahrt hat. Allein ebenso bemerkenswert!) erscheint es,daß erst in den Gesängen neuerer und neuester Zeit das bittere Gefühl des Hassesgegen die Herren, der eigenen Ohnmacht gegen deren Übermacht sich hier und daLuft macht. Im wirklichen Leben der Letten blieb nach den jammerreichen Geschickender bekannten Jahrhunderte für die Gegenwart vollends nichts als schwache Weich-lichkeit, ängstliche Kleinlichkeit, trübes Fortvegetiren unter den gewohnten Lasten undBürden, verstecktes Grollen und hämische Tücke. Ziemlich Dasselbe gilt auch von denEsthen; doch ist hier Alles noch überdies wie mit einer verdampfenden und abstum-pfenden Hülle umgeben. Ein baltischer Novembcrnebel liegt über ihrer Seele, worausdie Affecte und Charaktereigenschaften nur in unbestimmten Umrissen als noch dunk-lere Nebelstrichc aufdämmern. '
Bis auf Katharina's Herrschaftszeit hatte niemals irgendwer sich dieser Skla- !vennationen ernsthaft angenommen. Nur die schwedische Herrschaft in Bestand hattedazu ein paar im Wirrniß des Krieges bald vergessene Versuche gemacht. Gehaltenwie Thiere, litten sie wie Thiere, ohne Widerstandsversuch und fortgestoßen in ihrtrauriges Dunkel vorn allmälig aufsteigenden Lichte der Gesittung. Sogar in reli- ,giöser Hinsicht blieben sie beinahe vollkommen auf dem Standpunkt, wo sie von denEroberern vorgefunden worden waren. Wir wollen dabei gar nicht den ersten zweiund drei Jahrhunderten nach Einführung des Christenthums nachfragen, währendwelcher die Letten und Esthen angeblich dem Katholicismus angehörten. Aber nichtminder erschreckend sind die religiösen und sittlichen Zustände von der Reformations-zeit ab bis auf das Ende des 18. Jahrhunderts. Freilich scheint es um Befriedi-gung des religiösen Bedürfnisses, besonders seit der Mitte des 17. Jahrhunderts,ganz leidlich gestanden zu„habcn, wenn man nur die kirchcnstatistischen Tabellen undandere derartige officielle Übersichten zur Hand nimmt. Aber was sind dagegen diewahren Zustände? Höchst selten gab es einen Geistlichen, welcher der Völlerei unddem Trunke nicht ergeben gewesen wäre. Nur wenige, weil ursprünglich meist ein-gewanderte Hofmeister des jungen Adels verstanden zum Volk in seiner Sprache zureden. Darauf kam es auch gar nicht an, danach fragte der Adel gar nicht. Wenn lnur der Pfarrer ein tüchtiger Jagd- und Trinkgenoß, ein guter Gesellschafter undallzeitfertiger Kartenspieler war, so erklärten sich die „gnädigen Herren" vollkommenzufriedengestellt. Am Sonntag las er dann seine deutsche Rede, der Gemeinde na-türlich vollkommen unverständlich, aus einem Buche ab. Damit war seine Pflicht er-füllt. Später wurden Männer angestellt (Tulke), welche unter der Kanzel stehenddem Volke die Predigt verdollmetschten. Meist waren das heruntergekommene deutsche !Handwerker, altersschwache Bedienten, invalide Jäger u. dgl.
Erst um den Anfang des 18. Jahrhunderts verfaßten einige höher stehende ^Pfarrherren auf Veranlassung der geistlichen Oberbehörden lettische Predigten. InAbschriften cursirten diese aus den Pastoraten und wurden, von den Pfarrern selbst l