Band 
Erster Band.
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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands. 487

>eS überdies den Löwenantheil. So waren die baltischen Nitterstaaten nicht nur selbstunter die Botmäßigkeit einer deutschfeindlichen Macht gestellt, sondern auch rings um-geben von deren Provinzen. Die Ostsee bedeckt seitdem eine russische Flotte von bei-nahe 100 großen Schiffen mit 3500 Geschützen, nebst einer Flotille von 136 kleinernFahrzeugen mit 705 Kanonen. Einzig in Rußlands Handen ist die wesentliche Kriegs-macht aus deren Wogen, und selbst nach der Königskrone von Dänemark, dem ein-zigen Staate, welcher wenigstens gewissermaßen dieser russischen Seeübermacht aufdeutschem Meere entgegenstehen könnte, streckt das Haus Romanow, welches sichunterdessen die Namen Holstein-Gottorp anheirathete, seine Erbansprüche hinüber.

Es würde zu weit führen, wollten wir hier weiter entwickeln, wie Dänemarkdurch seine Politik gegen die deutschen Enclaven seines Reichs, wie Schweden mitder unseligen Verblendung seines Skandinavismus, wie Polen, wie die SüdgrenzenRußlands dessen ausgreifender Politik, wol großentheils unbewußt aber um nichtsweniger förderlich, in die Hände arbeiten. Auch für Deutschland mochte das Peters-burger Cabinet wol einen solchen Augenblick nicht fern glauben. Wir wissen es ja,mit welchen, vorzüglich literarischen Mitteln es die deutschen Fürsten untereinanderzu entzweien trachtete, wie es andererseits seine Verwandtschaftsnetze nach allen Sei-ten hin ausbreitete, wie es endlich die slawischen Bevölkerungstheile des deutschenLändergebiets in seinem Interesse zu leiten suchte. Es hatte alle „Eventualitäten"wohl berechnet, nur die eine nicht, daß das zerspaltene, niedergedrückte und seinemeigenen Wesen mannichfach entfremdete deutsche Volk sich plötzlich aufraffen und miteinem Schlage an die Stelle einer Cabinetsdiplomatie eine energische Nationalpolitikzu setzen vermöchte. Diese eine Eventualität trat jedoch ein und zerriß mit ihremErscheinen das ganze sein oder grob gewobene Netz der Petersburger Schlauheit. Dassich selbst erkennende Volk hielt nun Umfrage nach den losgetrennten Zweigen seinesStammes. Vornämlich blickte es nach den Ostseeländern in russischem Besitz. Dennvon dorther war ihm selbst in seine unfreien Zustände herein der Jammerruf derunterdrückten Nationalität um gebrochene Tractate, um zernichtete Eidschwüre, umzertrümmerte Garantien geheiligter Verfassungen erschollen. Ein Werk russischer Ver-nichtung ist dort geschehen, wie kaum die Weltgeschichte in ihren rohesten Zeitalternein gleiches auszuweisen hat: um so entsetzlicher, weil hier die Barbarei alle giftigenVerführungskünste einer überfeinerten Cultur ebenso gut als die Gewaltmittel einesasiatischen Despotismus angewandt hatte, um ihr Ziel — unbedingte Verrufsungder Verhältnisse, des Lebens, des Glaubens und der Menschen selbst — zu erzwingen.

Noch ist es nicht gelungen, aber das Gelingen ist nahe. Wir dürfen es unsnicht verhehlen, die Deutschen dieser Provinzen tragen daran keine viel kleinere Schuldals die Diener der russischen Politik. Die Deutschen dieser Provinzen haben, wiewir oben sahen, die engere Verbindung mit dem Stammlande und dessen Leben gelöst,sowie sie hier einen festen Grund und die Herrschaft erobert hatten. Sie haben sichnicht an den socialen und politischen Fortschritten Deutschlands betheiligt, insoferndiese die Erfüllung von Humanitätspflichten bedingten; sie haben die Kunst und Wissen-schaft, ja die Sprache selbst für sich allein wie ein adelig Wappen und Vorrechtbewahrt und deren Consequenzen in der Gestaltung des allgemeinen Staatslebensnicht gezogen, um keinen augenblicklichen Vortheil aufgeben zu müssen. Dennochwäre der jetzige Zustand ohne die unerhörtesten Machinationen von Seiten Rußlandsnicht möglich. Die Ruffenherrschaft hat hier eine Eroberung gefeiert, gleich einerden Körper vergiftenden Seuche. Mit kleinen, ganz unscheinbaren Anfängen beginntdas Übel, und nach wenig Monden ist der Organismus bis aufs tiefste Mark zer-rüttet. Kein Heilmittel der Welt kann mehr helfen, „kein Arzt mehr Rettung brin-gen, ja oft kaum den Punkt bestimmen, von wo das Übel ausging, noch den Punkt,von wo dessen Bekämpfung ihren Anfang nehmen soll.

Noch ist es allerdings im baltischen Lande nicht bis dahin gediehen, daß volleRettungslosigkeit im russischen Untergang deren nothwendiges Loos wäre. Wol aberlassen sich schwer die Uranfänge des Weges nachweisen, welchen dort die russische