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Erster Band.
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490 Die deutschen Ostseeprovinzerr Rußlands.

gefesselt. Seine Familien zerspalteten sich bereits in russische und deutsche Linien.Geschmeichelt von seiner angeblichen Bevorzugung bei der Besetzung staatsmächtigerPosten, war sein Ehrgeiz bereits von der heimischen Stellung an der Spitze der Pro-vinz abgewendet und nach den Petersburger Portefeuilles, den russischen Gesandt-schaftsposten, den moskowitischen Feldherrnstäben gerichtet. Seine Compactheit warmit Schmeicheleien, Ehren, Orden und russischen Verwandtschaften zersplittert; esgalt nur noch den Schemel seines Fußes wegzuziehen, indem man den Bauern we-nigstens gewissermaßen unabhängig von ihm machte. Die Bauernfreiheit erschiendazu als das geeignetste Mittel, denn sie machte gleichzeitig die Urvölker dem Russen-thume geneigt. Wie genau der Adel selbst sich seines dadurch bevorstehenden Unter-ganges bewußt war, erkennt man unter Ändern: auch daraus, daß die Einführungder Bauernfreiheit nicht zu Stande kam, so lange Männer aus baltischem Adelsstammals Generalgouverneurs an der Spitze der Provinzen standen, obschon von Seitender russischen Regierung unablässig dahin gedrängt wurde. Ja es ist keineswegsunwahrscheinlich, daß man vielleicht heute in dieser Angelegenheit noch auf demselbenStandpunkte wie zu Anfang des Jahrhunderts stehen würde, wenn Rußland nichtauch in dieser Beziehung die Untcrwerfungsverträge gebrochen hätte, indem es einemManne diesen Posten übergab, der nicht Mitglied einer der baltischen Ritterbänkewar. Der Marquis Paulucci setzte unter Kotschubei's Oberleitung (1817) das Werkder Bauernfreiheit in Gang, derselbe Marquis Paulucci, welcher das Urtheil fällte!„I-a lüvonis tinira par In psrlsits rsssöinblMos du gouvsrnömsnt russs au-äsl»ds i'IIral."

Äußerlich offenbarte sich natürlich die damit herbeigeführte Revolution in allenLebensphasen keineswegs augenblicklich, schon darum nicht, weil die Freilassung selbstnur allmälig binnen 14 Jahren vorschritt. Auch mußte sich die bäuerliche Bevölke-rung selbst erst in die neuen Zustände eingewöhnen. Aber im Augenblicke der aus-gesprochenen Freiheit begann folgerichtig von Seiten der Grundherren eine erbitterteReaction. Rückgängig ließ sich die Freiheit nicht machen, so erschwerte man sie dennin jeder Hinsicht. Ein alljährlich lösbares Accordverhältniß bestimmt die Leistungenund Gewährungen. Gegenseitige Steigerungen wurden dessen natürliche Folge; dieFolge dieser Steigerungen war nun wieder ein vollständig feindliches Verhältniß zwi-schen dem grundbesitzlosen Bauern und dem ob seiner verlorenen Leibherrnrechte ergrimm-ten Grundherrn. Das Recht der Freizügigkeit wurde besonders in den ersten Jahr-zehnden von den Bauern, in der Hoffnung bei neuen Grundhcrren günstigere Bedin-gungen zu erzielen, bis zum Übermaß in Anspruch genommen. Dadurch ging dasHeimatgefühl beim Einzelnen immer mehr verloren, und die Ackerwirthschast im Gan-zen erlitt bedeutende Einbußen. Der Bauer verarmte immer mehr, mit ihm unddurch ihn der Adel. Dies Hin - und Herziehen der Gebietsleute mit dessen bedin-genden Nebenumständen erzeugte eine Menge von Reibereien unter den Grundbesitzern.Die Reichen suchten bei solcher Unsicherheit der Gestaltung der Verhältnisse ihre Ca-pitale im Ausland anzulegen, wodurch den minder Wohlhabenden die Möglichkeit ei-ner Aushülse bei den immer schwieriger sich gestaltenden Ertragsverhältnissen ihresGrundbesitzes entging. Je theurer das Geld war, desto tiefer sank der Grundbesitz imPreise; je reichlicher aber die Ernte ausfiel, desto weniger galt im Augenblick undfür den Augenblick das Geld. Anstatt nun Regelung in dies Wirrniß zu bringen,gewöhnte sich der Adel in seinem Erbleichtsinn (warum nicht diese Analogie zur Erb-weisheit?) überdies an ein Börsenglückspiel, indem man sich imaginäre Hypotheken undimaginäre Werthe des Grundvermögens erschuf, mit ungemein hohen Zinsen kaufte,aus der Bewirthschaftung aber nur einen ganz niedrigen Betrag herauszuschlagenvermochte. Das ganze künstliche Finanzsystem trat in geraden Gegensatz zu den na-türlichen Einkunftsquellen. So brach eine Reihe von Jahren herein, welche durchzahllose Concurse bezeichnet war. Ein allgemeiner Bankrott, bei welchem angeblichhelfend einzugreifen Rußland nicht gezaudert haben würde, stand vor der Thür; nntihm unmittelbarste Abhängigkeit von russischen Einmischungen.