Band 
Erster Band.
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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.

Glied beifügen wollte, welches aus den Lebensnerv der baltischen Adelsmacht drückensollte, als sie die Frage der baltischen Bauernfreiheit lebhaft anregen ließ (währenddoch diese Frage im übrigen Rußland völlig unberührt blieb), da reckte und streckteder Adel mit schlauer Feinheit die schlanken Glieder und wußte sie geschickt der Kettezu entwinden. Er sprach auf seinen Landtagen außerordentlich schöne Worte derBegeisterung für die von der „Philosophie auf dem Throne" angeregten Freiheits-und Nationalitätsfrage, schob aber damit die Praxis auf die lange Bank und ließdie Kaiserin sterben, ohne das Geringste in den Zuständen der Urvölker zum Besserngewendet zu haben.

In den Städten war jedoch unterdessen durch Umwandlung der (nach hansea-tischem Vorbilde bestehenden) „Bürgergilden" in „Handelsgilden" das Ruffenthumbereits ziemlich weit vorgedrungen. Verhältnisse waren unter der Herrschaft von Ka-tharinas Städteordnung eingerissen, welche in Bezug auf Riga eine spätere Eingabeder Bürger mit glühenden Farben schildert. „Rechtmäßiger Widerstand der Stadt-obrigkeit gegen höhere despotische Befehle erbitterte die Obern. Die ehrwürdigenVäter der Stadt, oft gedemüthigt von den Befehlshabern der Provinz, welche mitder Eifersucht der Großen gegen eine nicht knechtisch-gehorsame und auf ihre alte Cul-tur stolze Stadt herabsahen, zuweilen sogar verkannt von ihren Mitbürgern, wurdenendlich ermüdet vom ungleichen Kamps. Der baltische Bürger mußte seine mit Tu-gend und Fleiß erkauften Rechte mit Denen theilen, welche nichts als ihre Gelderdem Staate darbrachten. Die deutsche Ehrlichkeit ward überlistet von gewinnsüchtigerSchlauheit, der Bürger Rigas ward allmälig dem Ausland verdächtig; der Creditschwand. Die Mauern Rigas erfuhren das Unerhörte, daß Sklaven Bürger, daßBürger Criminalverbrecher wurden. Viele innere Erwerbszweige kamen aus den Hän-den Rigas in die von Sklaven und freigelassenen Bauern. Nur fähig zu kaufenund zu verkaufen, oft ohne Buchstabenkenntniß, genossen solche Leute jetzt gleicheRechte mit dem deutschen Bürger, und dieser alte Staat wurde gleich gemacht mitden unendlich jüngern, unmündigen und umgestalteten Ständen des Reichs." Wiein Riga war es auch anderwärts ergangen. Trotzdem daß Paul die Einrichtungenseiner Mutter im baltischen Lande wieder aufhob, blieb doch seitdem der althanseati-sche Verfassungsbau der Städte in seinen Grundvesten erschüttert. Das wirklicheoder vorgegebene Capital ward alleinherrschend. Das Bürgerthum ward immerschwächer nach außen hin in politischer Beziehung und nationaler Bedeutung, jeunbedingter es durch jene Einrichtungen auf den hastigen Wettkamps um materiellenBesitz mit den russischen Elementen gewiesen war. Ja selbst rein körperlich wurdees dadurch von den Beziehungen nach dem Flachland abgeschnitten. Denn in „Slo-boden" (Vorstädten) scharten sich allerwärts die russischen Massen um den Stadt-kern. Ihre unzünstigen Handwerker bemächtigten sich des Kleinverkehrs und Klein-handels mit der ländlichen Bevölkerung; schmeichelnd und demüthig schlichen sie sichauch in die Bürgerhäuser der innern Stadt, entfremdeten hier zunächst mit ihrerWeise die lettischen und esthnischen Dienstbaren dem eigenen Wesen, vollends den etwaannähernden Schritten an das deutsche, und unterstützten jede Genußlust der Deut-schen. So verweichlichten Diese, gewöhnten sich an russische Sitte und Umgebung,vernachlässigten die Fortbildung ihrer selbstgeschaffenen Verfassungen und. der alther-gebrachten Verhältnisse. Mit den einwandernden russischen Arbeiterscharen kamenauch die Popen. Die militairische Verwaltungssorm überfiele außerdem das dünn-bevölkerte Land mit Soldaten. Diese lehrten die Letten und Esthen zu ihren ursprüng-lichen Fehlern noch die Laster und Gewohnheiten russischer Roheit. Es fraß sichdies Wesen weiter und weiter, unausgehalten und unaufhaltsam >— wir haben keinenandern als den oben gegebenen Vergleich — wie eine den Körper vergiftende Seuche.

Alexander schien allerdings der deutschen Nationalität im baltischen Lande Rech-nung tragen zu wollen. Aber auch er war genugsam russischer Kaiser, um keinenAugenblick die von Peter I. überkommene Aufgabe zu vergessen. Der baltische AdelWar bereits, vorzugsweise in seinen ärmern Zweigen, an das russische Interesse