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Erster Band.
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492 Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.

ten, beim Hausirhandel, in Branntweinbrennereien und bei den Schlächtern sieht erdie Möglichkeit eines Erwerbs ohne gezwungene Leistungen. Dazu kommt, das erdort in jeder Hinsicht unabhängiger gestellt, auch minder beaufsichtigt ist als bei denländlichen Beschäftigungen. Was Wunder also, wenn jeht die Klage darüber alledrei Ostseeprovinzen durchschallt, daß sich die Letten und Esthen immer häufiger vomAckerbau weg zu städtischen Nahrungszweigen wenden? Aber in genauer Verbindungdamit steht es, daß bereits in den Ostseeprovinzen auch eine Erscheinung aufzutauchenbeginnt, welche bis in die neueste Zeit dort vollkommen unbekannt war: der An-fang eines Proletariats. Abgesehen davon, daß bei der sehr dünnen Bevölkerungdes Landes natürlich häufig gar keine Bearbeiter der ertragsfähigen und früher schonbebauten Landstrecken auszukleiden sind, also der natürlichste Wohlstand des Landeseinen bedeutenden Stoß erhält, hat diese neue Wendung im Erwerbsleben der Urvöl-ker außerdem abermals doppelt schädliche Folgen. Auf der einen Seite entwöhnt sieden Letten und Esthen der heimischen Sitte und Arbeit, zwingt ihn zum Anschlüssean die niedern Bevölkerungselemente der Städte, und treibt ihn, da diese großen-theils aus Russen bestehen, zur Annahme russischen Wesens, russischer Sprache,russischer Lebensformen, endlich auch der russischen Weise der Gottesverehrung. Aufder andern Seite nöthigt sie die Grundherren zur Bearbeitung ihrer Felder, oder dochzu allen Arbeiten, welche nicht als Gehorch gefodert werden können (z. B. Wege-und Häuserbau), die umherziehenden Russen anzuwerben. Um ihnen nicht mit Baa-rem zahlen zu müssen, gibt man ihnen Gesinde zur Bewirthschaftung, Seen zurFischerei u. s. w. gegen bestimmte Leistungen in Pacht. So bilden sich russischeColonien mitten im baltischen Land, mitten unter den baltischen Urvölkern. Wie festdiese hasten, wie rasch sie sich nach allen Seiten hin in Beziehungen zu setzen wissen,kann aber in der That nur beurtheilen, wer es mit eigenen Augen erschaut hat.

Schon auf diesem einfachsten Wege, den man Rußland nicht einmal zu großerSchuld anrechnen kann, werden alljährlich Tausende der Letten und Esthen ihrerNationalität und ihrem Glauben abwendig gemacht. Dazu ist den mit weltlichenVortheilen lockenden und verführenden Popen breite Gelegenheit gegeben, die religiöseVernachlässigung der Urvölker für ihre convertistischen Zwecke zu verwenden. Es sindnur kleine Unterschiede des Ceremoniells, lehren sie, zwischen der lutherischen undgriechisch-russischen Kirche; aber die orthodoxe Kirche ist die des Kaisers, des Herrndeiner Herren, welcher dich gegen diese schützen und schirmen wird, wenn du seinemGlauben angehörst. 'Von den Folgen dieses Schritts, von dem Anheimfalle derganzen Nachkommenschaft an Rußland hat weder der Lette noch der Esthe einen Begriff.Jammernd und verzweifelnd steht er, wenn die versprochenen Vortheile nicht eintreten.Er will dann zur angestammten Kirche zurückkehren, aber der Pope liest ihm denUkas vor, welcher ihn in diesem Falle mit Sibirienstrafe bedroht. Ausgeschlossen invieler Hinsicht von der frühern Gemeinschaft mit den Stammgenoffen, vermag erspäter wol auch diese Jsolirung nicht zu ertragen; er sucht nun an sich heranzuziehen,was ihm erreichbar ist, und wird darum selbst zum ärgsten Proselytenmacher. Alssolche — und nicht nur in confessioneller Hinsicht, sondern überhaupt in Beziehungauf russische Lebensform und Anschauungsweisen — wirken vorzugsweise auch die ausdem russischen Militärdienst (auf Urlaub oder als Reservemänner) entlassenen Lettenund Esthen.*) Sie sind aus ihre Verrussung eitel, aus Sucht, etwas Besseres alsihre zurückgebliebenen Stammgenossen vorzustellen. Sie sind die besten Helfershelferder russischen Bestrebungen. Jeder Gegenstrebung aber, und besonders in kirchlicherHinsicht, tritt das russische Autokratengesetz mit Tiberischer Strenge entgegen, undwo dies allein nicht zum Ziele führt, da arbeitet noch russische Spionage und Beamten-willkür mit ihr im Bunde. Geistliche, welche ihre Pfarrkinder vor den umherschwär-

*) Auch die Recrutirung ist gegen die Capitulationsbedingungen der baltischen Provinzenbei Verleihung der Freiheit über die Bauern verhängt worden. Gleichermaßen ist sie seitwenigen Jahren in Finnland eingeführt.