Band 
Erster Band.
Seite
493
JPEG-Download
 

493

Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.

menden Popen warnten, wurden zur Untersuchung gezogen; andere, welche den Vor-zug des Protestantismus vor dem Nussogräcismus erwiesen, wurden der Aufreizungangeklagt und verschwanden. Blieben wieder andere in Furcht vor solchen Folgenoder aus wirklicher Apathie kümmerlos um die Neligionszustände ihrer Pflegebefohle-nen, so wurden sie angeblich wegen schlechter Pflichterfüllung entfernt und durchCreaturen des Gouvernements ersetzt. Kurz, wie auch der Lette und Esthe sich ver-halte — überall rennt er fast unrettbar in die ausgestellten Fanggarnc der Nussifi-ürung; wie sich auch der Vertreter der protestantischen Kirche und der angestammtenNationalitäten drehe und wende — überall finden die russischen Söldlinge einen Ver-wand, gegen ihn vorzuschreiten. Die in Liefland weit ausgebreitete Herrnhuterlehreist überdies mit ihrer nebelhaften Weise für den Letten und Eschen das beste Vor-bereitungsmittel zum Nussogräcismus.

Daß sich bei einem so vollkommenen Zerfalle des bisherigen Bestandes der Dingeauch die eigentlich sittlichen Zustände nicht nur der Urvölker sondern der niedern Be-völkerung des baltischen Landes überhaupt nur verschlimmerten, ist natürlich. Dievergrößerte Armuth, die Lockerung der Bande, welche den Einzelnen an die Gemeindeknüpften, der nur lose Zusammenhang der (durch die so häufig benutzte Freizügigkeit)aus immer wechselnden Persönlichkeiten bestehenden Gemeinde überhaupt, der Mangelaller persönlichen Beziehungen zum Grundherrn, der verminderte persönliche Einflußder Geistlichen, die durch die russischen Eindringlinge noch gesteigerte Lust am Trunkund an der Völlerei, die mit der angewachsenen Armuth verstärkte Abhängigkeit von denschachernd umherziehenden Juden (in Kurland), an den Grenzen endlich die Gewöh-nung zur Schmuggelei — kurz Alles, was mit einem Übergang des Lebens aus voll-ster Abhängigkeit zu einer heimatlosen und ringsum verkümmerten Freiheit zusammen-hängt, welcher nicht organisch vorbereitet war und gleichzeitig von allen Seiten fürSonderintercssen ausgebeutet wird, „ließ nicht nur die Zahl der Verbrechen und Ver-gehen, wie die criminalstatistischen Übersichten nachweisen, in den letzten Jahrzehndenerschreckend anwachsen, sondern verschlimmerte selbst die körperlichen und geistigenZustände. Es existiren jetzt unter den niedern Bevölkerungsschichten der baltischenLande eine Menge von Krankheiten, welche früher kaum dem Namen nach bekanntwaren. Auch der Wahnsinn (unter den Letten besonders in der Form der heiternNarrheit, unter den Esthen als Melancholie) sodert zahlreiche Opfer. Dabei sindjene Krankheiten, welche seit Alters her als Folgen der nationalen Lebensweise hiereinheimisch und gleichsam charakteristisch für diese Lande sind, ebenfalls keineswegsvermindert. Ein Blinder, von einem Knaben am Stocke geführt, gehört z. B. heutenoch ebenso wie vor einem Jahrhundert zur nothwendigen Staffage einer esthnischenLandschaft; denn heute ist noch ebenso wie vor einem Jahrhundert der elende Raumder esthnischen Hütte mit dickem Rauch fortwährend erfüllt, während Menschen undVieh, Geräthschaften und,Vorräthe darin ungeschieden durcheinanderliegen. Aberwährend weder der Esthe noch der Lette noch vor 20 Jahren daran dachte, seineHabseligkeiten zu verschließen, wenn er die Wohnung verließ, muß er sie jetzt mitaller Vorsicht schützen, und findet sie dennoch bei der Heimkehr mitunter geraubt.Als er noch leibeigen war, da ging er zum Herrn und klagte ihm seinen Jammer.Freilich standen ihm Schläge in Aussicht; aber er hatte doch nicht die Sorge desWicderersatzes. Jetzt hilft ihm die Klage nichts; die Schläge bekommt er wol auch.Das Mistrauen herrscht ihn an: du lügst, du hast es an den Juden für Branntweinverkauft, und dahinter steht das Drohniß, daß wenn sich zu Georg! nicht sämmtlicheStücken des Inventariums vorfinden, wie sie ihm bei der Übergabe des Gesindeszugezählt wurden, der Edelherr sich entweder am beweglichen Eigenthume des Bauern-wirths entschädigen oder ihn hinausstoßen, werde, damit er wandere und sich einanderes Unterkommen suche. Alle diese Übelstände werden nun von dem russischenProselyteneifer aufs eifrigste benutzt. In lockenden Bildern werden die angeblichenVortheile ausgezählt, welche dem geknechteten Letten und Esthen bei der Überwande-rung nach einem „Kronsgut" gewährt werden sollen. Der Yon Allen verlassene