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Erster Band.
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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.

Sitte und Cultur. Kohl's freundliche Bilder aus diesen Regionen kamen also demerwachten Interesse zu rechter Zeit entgegen; ihre gefällige Darstellungsweise entzogdieselben der strengen Kritik Derer, welche über deren Richtigkeit und Unbefangenheitein entschiedenes Urtheil hätten fällen können. Danach sah es jedoch noch gar fried-lich aus im Lande der blonden Barone. Zwar zuckte es mitunter wie fahles Wetter-leuchten aus dem Gewölk russischer Herrschaft durch die Ruhe und Behaglichkeit ihresLebens; aber doch schien das deutsche Element noch immer vollkommen gesichert undin den Gesellschastssälen sprachen überdies die Studenten, Reisenden, Vergnüglingeund Gesandtschaftsattaches mit ihrem kühlen, glatten Dialekte so feingewandte Welt-anschauungen aus, daß man einen Unterschied ihrer Zustände und Verhältnisse vonden unsern kaum ahnen konnte. Allein je lebhafter die nationale Literatur in denfolgenden Jahren nach den Bruchtheilen deutscher Stammangehörigkeit ausgriff, destolauter erschollen die Klagen vom Osten, desto drohender wälzten sich die Gewitterder Russificirung darüber hin, desto erschreckender erscholl der Hülseruf, desto ver-zweifelnder das Klaggeschrei: Es ist Alles verloren! Das große Publicum wußte inder That kaum mehr, ob der Name: Deutsche Ostseeprovinzen, nicht etwa ebensowenig Deutsches zu bedeuten habe, als die deutschen Namen Petersburg, Kronstadt,Peterhof oder gar Orenburg. Als Deutschland im Frühling 1848 seine Erhebung be-gann, während der russische Zar in blutigem Zorne seine Völker ausrief gegen die Heiden,da lasen wir vollends die Danksagungsschreiben desselben Zaren an den Adel Lieflandsfür ein Geschenk von 800 Pferden zu des Kaisers Dienst, an den Adel Kurlandsfür die verheißene Pflege und Versorgung der Nachgelassenen des russischen Heeres,an den Adel Osels für seine loyalrussischen Gesinnungen! Nun schien es entschieden:für das Deutschthum ist dort Alles verloren, Rußland hat sich unserer Brüder voll-kommen bemächtigt, kein Hauch deutscher Sympathien weht dort mehr, kein Restan deutschem Wesen festhaltender Kraft ist dort mehr vorhanden! Nichts als Trüm-mer, Trümmer, aus denen der Moskowiter seine Schanzen gegen Deutschland auswirft!

Traurig ist das Bekenntniß, aber Klarheit und Wahrheit sind die einzigen Brü-cken, welche eine neue Vermittelung herbeiführen können: das Deutsche als Macht istin den Ostseeprovinzen gebrochen, das Deutsche als Ganzes ist zerspalten, das Deut-sche als geistige Eroberungskraft ist gefesselt. Trotzdem ist „es nicht unwiederbringlichverloren, trotzdem kann es sich aus seinen Trümmern und Überbleibseln wieder empor-kämpfen. Es kann — doch ist die Frage, ob sich ihm dazu die Umstände günstigerweisen, denn ohne Gunst der Umstände kann es selbst nicht. Von tiefer Unkennt-niß der baltischen Stimmungen und Verhältnisse zeigt es wenigstens sicherlich, wennjene Erregungspartei, die uns um jeden Preis zum Angriffskampse gegen Rußlandtreiben will, von Millionen redet, welche unsern Heeren jubelnd entgegenstürzen oderden Angriff der Deutschen auf Rußlands Grenzen als Signal zur Losreißung vomZarenreich begrüßen würden. Nein, dazu ist das Deutsche im baltischen Lande massen-haft zu schwach und in seinen politischen wie socialen Neigungen und Stimmungenzu verschieden von Dem, was sich bei uns als allgemeiner Geist der Zeit und Mensch-heit kundgibt. Wir dürfen uns nicht täuschen: das Nationalitätsbewußtsein, wie esnach langem Ringen jetzt in Deutschland mächtig ward, ist den Deutschen der Ostsee-provinzen vollkommen fremd. Sechs Jahrhunderte der Alleingeltung in socialer Hin-sicht, sechs Jahrhunderte der politischen Oberherrschaft haben das baltische Deutsch-thum in einen Kasten - und Rangstolz verkehrt, seien dessen Träger nun Freiherren,Bürger oder freie Arbeiter. Besser als die Letten, Esthen und Russen dünken siesich immer. Ihr abgeschlossenes, fast einzig aus Formenglätte hingewendetes Lebenhat sie verweichlicht und empfindlich gemacht gegen jede unsanfte Berührung usur-pier, althergebrachter oder stillschweigend zugestandener Vorzüge. Diese vermögensie nicht aufzugeben, um aus sich selbst heraus ein neues, dem Russenthum entgegen-stehendes Leben zu entwickeln. So suchen sie sich mit diesem abzufinden auf allerlei Weise,«assen den Kern antasten um den Glanz der Schale zu retten, und denken nicht daran,daß, wo der Wurm im Innern nagt, die äußerliche Gesundheit rasch zu Grabe geht.