494 Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.
Unglückliche folgt auch dem Rufe, und die Folge ist, daß die Privatgutbezirke sichimmer mehr entvölkern, die Kronsgüter immer besser besetzt, dadurch natürlich auchculturlich verbessert werden. Die Privatgrundbesitzer sehen sich dagegen immer häu-figer in die Nothwendigkeit versetzt, die anwandelnden Russrnscharen aufzunehmen,oder die vorhandene Bevölkerung mit immer größerm Gehorch zu belasten, dadurchaber sich ihr immer feindlicher gegenüberzustellen. Wo aber selbst nur 60 Nüssen seß-haft werden, da befiehlt der Ukas eine russische Kirche zu bauen, und die Gebiets-leute der Kronsgüter fallen den entnationalisirenden, convertirenden Söldnern derrussischen Politik vollkommen anheim.
Bereits zu lange haben wir uns bei diesen Bildern des Untergangs verweilt unddoch nur flüchtige Andeutungen davon geben können, wie die baltischen Lande vomrussischen Unheil fast unabwendbar überzogen werden. Der Adel stieß in seinem Selbst-herrlichkeitsbewußtsein den Bürger von sich, sodaß die Vermittelung zwischen den Spi-tzen und der Basis der deutschen Bevölkerung verhindert ward. Beide Stände ver-schmähten es ferner dem Letten und Eschen die natürlichsten Menschenrechte einzu-räumen und ihn dadurch an ihr eigenes Interesse zu binden. So steht dieser nunmit einer sogenannten Freiheit vollkommen haltlos nach oben wie nach unten, einausgegebenes Glied der Gesellschaft, ein Losgelassener und kein Freier, aus Gnadenseßhaft aus dem Boden, dessen Früchte ihm den Hunger stillen, diese Gnade ab-arbeitend mit übermenschlichen Anstrengungen, dennoch mit jedem neuen Jahr inneuer Gefahr, hinausgestoßen zu werden in noch jammervollere Unsicherheit des Lebens.Da winkt ihm Rußlands verführische Stimme, da blendet ihn der Glanz des russi-schen Kirchenstils, da klingt es ihm ins Ohr vom großen Zar, der ihn schützen werdegegen die Unbill feindlicher Herren, da hört er es, daß der Russe nur vom Russengerichtet wird, daß er keinen andern Herrn hat als den auf dem Throne, GottesStellvertreter auf Erden. So zieht der verlassene Esthe, so der niedergedrückte Leitehinüber ins feindliche Lager, um dem heimischen Elende zu entfliehen. Und wenn nhier den Druck des neuen Zwangs zu dem alten fühlt, ist es zur Rückkehr zu spät.Das ist sein Loos, dessen äußeres Zeichen die Annahme des Russogräcismus. Bereitsim Jahre 1845 nannte der Bericht des Ministeriums der geistlichen Angelegenheitenals wichtigstes Ereigniß der protestantischen Kirche in Rußland den Übertritt von16500 baltischen Bauern zum griechisch-orthodoxen Elaubensbekenntniß.
Die baltischen Deutschen und Deutschland.
Als Kohl, der heitere Landschaftsmaler, vor etwa zehn Jahren seine Touristen-bibliothek mit der Schilderung des Landes und der Menschen der deutschen Ostsee-provinzen Rußlands begann, da eröffnete er dem größten Theile der deutschen Lese-welt ein ganz neues Stück Welt. Sie waren unserm Gedächtniß ganz abhandengekommen die Lande, welche unsere Ahnen mit ihrem Blut erobert hatten. Nur dieGesellschaftswelt wußte es, daß aus jenen Gegenden alljährlich ein neuer Truppschlanker, adeliger Studenten kam, welche die Salons der Üniversitätsstädte zierten.Die Vettern derselben fand man unter der Aristokratie der Bade- und Reisewclt; ihreOhme waren bei den russischen Gesandtschaften der Höfe betheiligt. Daß auch eingroßer Theil der Petersburger Staatsmänner wie der russischen Heerführer zu diesenAdelsgeschlechtern gehörte, wußte man ebenfalls. Trotzdem blieben die Namen Lies-land, vollends Esthland Bezeichnungen für Landstrecken, von dönen nur die Wenig-sten irgend Näheres zu berichten wußten. Kurland war zwar dem Munde geläufiger,denn Jeder hatte von dem ästhetischen Hofhalte der Herzogin von Kurland zu Lobi-chau gehört, auch waren bekanntlich die vier kurländischen Prinzessinnen (Herzoginvon Sagan, Fürstin Hohenzollern, Herzogin von Acerenza-Pignatelli und FürstinTalleyrand) als die schönsten Frauen des schönheitreichen Wiener Congresses genanntworden. Aber selbst über Kurlands Verhältnissen und Zuständen lag ein tief einschleiern-der Nebel. Erst das Jahr 1840, das Jahr des Wiedererwachens deutschen Natio-nalitätssinnes, lenkte die Blicke wieder nach diesen östlichsten Vorposten deutscher Sprache,