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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.
stand. So bildeten sich denn hier vollkommen abgeschiedene Kreise, und die Deut-schen, mußten sich auf ein strenges Defenfivsystem für ihr Element zurückziehen. Aberdie Übermacht überflutet sie. Mit der Steifheit der väterlichen Sitte haben sie auchviel von deren Solidität aufgegeben. Das stolze Selbstbewußtsein der Vater ist geblie-ben, aber die straffe Thatkraft der Vater ist verloren gegangen, oder doch ermattet.Indem gleichzeitig auch noch Petersburg die alte Hanseatin in Erschaffung von directenVerbindungsmitteln mit Deutschland überflügelte, und selbst der Binnenverkehr seineBahnen großcntheils auf die schöne warschau-petersburger Kaiserstraße warf, sinddie unmittelbaren und persönlichen Beziehungen zu Deutschland verhältnismäßig sel-tener geworden. Zu gleicher Zeit ist es auch hinsichtlich der nationalen und politischenSelbständigkeit Rigas ein Unglück zu nennen, daß gerade diese Stadt zur Residenzder Centralregierung der drei baltischen Provinzen erwählt wurde. Die materiellenVortheile gebieten nun eine Menge von Rücksichten und Zugeständnissen, welche dervorwiegend kaufmännische Geist der Bevölkerung leichtlich gewährt, deren keine aberbei dem unablässigen Andrängen des in den Vorstädten lagernden Russenthums ohnehöchste Gefahr für das deutschnationale Element bleibt, seitdem Rußland den Bruchdes Artikels der Rigaschen Capitulation, wonach nur ein Mann von baltischem Stammeden Sessel eines Generalgouverneurs einnehmen darf, zur Gewohnheit gemacht hat.Allerdings bildete sich vielleicht eben darum auch hier entschiedener als anderswo einestreng nationale Opposition, welche vorzugsweise im mittlern Bürgcrstande ihre Mit-glieder fand. Aber in Bezug auf ihre Menge verhältnismäßig gering, ist sie nochohnmächtiger bezüglich ihres Einflusses auf weitere Kreise der baltischen Bevölkerungund Staatszustände. Ihr Verdienst und Ruhm ruht darin, den Bestand eines wahr-haft deutschen Stadtkernes ausrecht zu erhalten. Käme jedoch einmal die Zeit, daßdes Deutschen Reiches Herr seine Obermacht wieder auf die Ostseeprovinzen ausdehnte,so würden trotzdem die deutschen Elemente Rigas einen mehr als hundertjährigenFortschritt in den Lebensentwickclüngen des Stammlandes nachzuholen haben. Dar-über dürfen wir uns keine Illusionen machen. Unser neues Leben findet hier nochkeine Sympathien, ja kaum ein theoretisches Verständniß.
Das Bürgerthum hat jedoch die Möglichkeit, in raschem Laufe dazu zu gelan-gen, sobald ihm die unmittelbare Mitbetheiligung daran unbehindert ist: und diesdarum, weil es eben Bürgerthum ist. „ Der baltische Adel dagegen kann aus seinenVerhältnissen heraus durchaus keinen Übergang zu dem Leben der neuen deutschenZeit finden. Sein Lebenselement ist das feudalaristokratische; die Vernichtung dessel-ben in Deutschland hat vollends die schwanke Brücke abgebrochen, auf welcher nochmitunter seine Blicke sehnsüchtig herüberglitten nach der ursprünglichen Heimat. Viel-leicht am ehesten wäre noch ein Anschluß an die Neugestaltungen von den auf großemGrundbesitze ruhenden einzelnen Edelherren zu erwarten. Allein was dafür vorberei-tend selbst unter den jetzigen Verhältnissen durch die Landtage zu ermöglichen wäre,wird durch die Rivalität der kleinern, auf ihre Gleichberechtigung mit den großenStandesherren eifersüchtigen Grundbesitzer unmöglich gemacht. Der Grund solcherOhnmacht der großen Standesherren beruht auf der Einrichtung der Landesvertretung;nicht nach der Größe des Grundbesitzes, sondern nach der Kopfzahl der Grundbesitzerist das Land vertreten. Die kleinern Grundbesitzer überwiegen aber natürlich an Zahlund haben sonach den entscheidenden Einfluß bei den Landtagswahlen. Diese lenkensie dadurch meistens auf ihre unvermögenden Verwandten, denen die Diäten ihreArmuth erleichtern müssen, und welche demgemäß im Sinne ihrer Mandanten stimmen.Dasselbe gilt im Allgemeinen auch bei der Wahl zu den von der Ritterschaft zubesetzenden, die innere Provinzialverwaltung leitenden Behörden (Landesstellen).^Eurlich stehen aber wieder die armem Adelsfamilicn durch eine zahlreiche Sipp-schast in viel nähern und abhängigem Beziehungen zu Rußland als die reichen unddes Staatsdienstes zur Erhaltung ihres Familienglanzes nicht bedürftigen Adelsstämme.Es bleiben nun noch die sogenannten Eelehrtenelassen übrig. Bei dem geringenDie Gegenwart. I, 32