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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.
Umfange des Mittelstandes überhaupt ist ihre Zahl ebenfalls sehr beschränkt. Zudemherrschen unter ihnen entschiedene Kastenneigungen. Der Sohn des Pfarrers wirdPfarrer, der Sohn des Arztes wird Arzt. Der bürgerliche Rechtsgelehrte ist fastausschließlich auf die Wahl zwischen der Advocatur oder dem russischen Staatsdienstbeschränkt. In die Landesstellen vermag er höchstens als Seeretair einzutreten, unddies ohne alle Hoffnung in diesen durch Wahl der Provinzritterschasten zu besetzendenBehörden jemals einen Schritt aufwärts zu thun. In den städtischen Behörden sindnur äußerst wenig rechtskundige Mitglieder erfoderlich. Dorpat endlich hat bis jetztden Grundsatz befolgt, seine sämmtlichen Facultäten vorzugsweise durch Ausländer zurecrutiren. Der Advocat, der Arzt und der größte Theil der Geistlichkeit befindensich zugleich materiell wieder in unmittelbarster Abhängigkeit vvm Adel. Von ihnenist also keinerlei geschlossenes Wirken gegen dessen Principien zu erwarten.
So stehen wir denn am Ende unsers Überblicks. Seine Ergebnisse sind trau-rig genug. Ein leichtsinniger Egoismus Derer, welche hier deutsche Bildung verbrei-ten und die rohen Eroberungen des Schwertes durch die geistigen, sittlichen undreligiösen Eroberungen ursprünglicher Völker vollenden, sühnen und sichern sollten,hat sechs Jahrhunderte hindurch die Erfüllung dieser Aufgaben vergessen oder garabsichtlich hintangesetzt. Ein sorgloses Dahinleben hat die Kräfte erschlaffen lassen.Gegenseitige Rivalität der Stände hat die Nationalität zersplittert, und selbst unterdem Drucke des russischen Unheils dazu noch provinzielle Eifersüchteleien gefügt. Diedeutsche Sprache und alle Feinheiten der Bildung hat man mehr wie aristokratischeZierden denn als Nothwendigkeiten des Lebens behandelt. Nachdem das russische Unglückauf dem Lande lastete, da haschte Jeder nur nach einem Stücklcin persönlichen Vor-theils, während ihn die Gefahr und Noth des Ganzen unbekümmert ließ. So langedie Flügel des schwarzen Adlers schmeichelnd fächelten, hatte man dem Heimatlandden Rücken gekehrt. Als jedoch endlich seine scharfen Fänge eingriffen in das ver-weichlichte Fleisch, da rief man um Hülfe bei der öffentlichen Meinung Europas, beidem Volksbewußtsein der deutschen Stammbrüder. Nun bauen sie aus jene selbeöffentliche Meinung, welche sie in den Tagen ihrer fraglosen Herrschaft für nichtserachteten, und welche sie noch heute nicht anerkennen mögen, sobald sie ein Urtheilüber die Haltung der baltischen Deutschen gegenüber den baltischen Urvölkern oderdem Russenthume wagt, vollends aber sobald sie ihre Berechtigungen dort geltendmachen will, wo der Adel zu sagen gewohnt ist: die Nation bin ich. Dasselbe Volks-bewußtsein der Stammbrüder rufen sie jetzt an, welches ihnen in den Tagen ihresGlücks so vollkommen fremd geblieben war, daß sie selbst noch im Beginne ihresUnglücks keine Ahnung davon hatten. Dasselbe Volksbewußtsein soll ihre Rettungvermitteln, dessen Kämpfe sie zur Napolconischen Zeit vollkommen theilnahmlos ließen,und dessen großartige Bewegungen in der Gegenwart sie mit Geschenken für den zumKriege rüstenden Todfeind Deutschlands, mit Loyalitätsadressen an den Aaren beant-worteten. Da sie es just gebrauchen, soll es urplötzlich zur welterschütternden Machtwerden — und nur für sie.
Trotzdem haben sie sich mit dieser rücksichtslosen Naivetät so tief in solche Träumeeingesponnen, als müsse nothwendig die Befreiung vor der Thüre stehen, als seiebenso wenig ein Zweifel am deutschen Können wie am deutschen Wollen für dieOstseeprovinzen. Aber dringt man nun endlich mit der Frage ein: Welches Verhält-niß soll denn aus dem Siege Deutschlands über Rußland für die abgekämpften bal-tischen Provinzen erblühen? so sprechen sie tausend schöne Worte, wie sie ihnen sogeläufig, von der Errettung deutscher Eigenthümlichkeit, von der Nothwendigkeit freie-rer und gerechterer Lebensgestaltungen für alle Stände. Allein im Hintergründe ihrerGedanken liegt trotz der furchtbaren Erfahrungen des letzten Jahrhunderts noch immerdie Sehnsucht nach der guten, alten Zeit zusammengefaltet, nach 'euer guten altenZeit, da der Adel Alles, der Bürger wenig, der nationale Bauer gar nichts bedeutete-Im persönlichen, sippschaftlichen, provinziellen und ständischen Interesse versank derGemeingeist und wahre Vaterlandsliebe. Ungehört verhallen die Worte der ernsten