Die Schweiz. 21
Neuntel geschieht. *) Der Aufwand für die Primairschulen wird von den Gemein-den mit 4,500000 Francs, thcilwcise aus dem Ertrage besonderer Schulfonds, be-strikten, und von, Staate mit jährlich 900000. Dazu kommt in der Regel ein ge-ringes Schulgeld von jährlich 3—6 Francs für die Kinder nicht unbemittelter Ältern.Die Besoldungen der Schullehrcr, für deren Bildung in vielen Cantonen wohlein-gerichtete Seminarien bestehen, sind nicht ebenso knapp zugemessen als in den meistenmonarchischen Staaten; auch bestehen fast überall Pensionskaffen für Schullchrer.Die freundlichen und wohlgebauten Schulhäuser, mit denen häufig die Locale für dieGemeindeverwaltung verbunden, sind in vielen Gemeinden die eigentlichen Dorfpaläste.Neben den Primairschulen werden die Secu'ndairschulen für den Realunterricht vonetwa 9000, die Eymnasialschulen von 2000 Schülern besucht. Zm höhern Unter-richt, wofür in der deutschen Schweiz drei Hochschulen, sowie sogenannte Akademienin Genf, Lausanne und Neuenburg bestehen, würde eine größere Centralisation er-sprießlich sein. Die Bcfugniß zur Errichtung einer Universität und einer polytech-nischen Schule steht dem Bunde zu (Bundesverfassung Art. 22). Für den gesummtenUnterricht belaufen sich die Ausgaben der Staatskassen auf jährlich 2/- MillionenFrancs, oder aus ein Achtel der Staatseinnahmen, und auf 1085 Francs für je 1000Einwohner. In Frankreich wird daraus nur ein Siebenundsiebzigstel der Staatsein-nahme, oder 380 Francs auf je 1000 Einwohner verwendet, und selbst in Preußenerst 695 Francs auf je 1000 Seelen.
Mit vielen Schulen sind regelmäßige Übungen im Turnen verbunden, das über-haupt sehr verbreitet ist, und wofür besondere Vereine mit jährlich wiederkehrendeneidgenössischen Turnfesten bestehen. Auch wird da und dort in den Schulen Unter-richt in landwirthschaftlichen Beschäftigungen, namentlich im Obstbau, ertheilt. Sehrzweckmäßig würde aber eine allgemeine Verbindung landwirtschaftlicher und tech-nischer Arbeiksanstalten mit den Schulen sein, um die Zöglinge von Jugend auf auseigener Erfahrung und Anschauung die außerordentlichen Vortheile der gemeinschaft-lichen und assocürten Thätigkeit kennen zu lehren, um sie es schon früh empfinden underleben zu lassen, wie im zusammenhängenden Getriebe des bürgerlichen Lebens jederEinzelne der Andern bedarf. Die noch herkömmliche Zersplitterung der Thätigkeitenwird nur von einer praktischen Erziehung durch und für die Association überwundenwerden. Damit ist jedoch auf eine Lücke hingewiesen worden, die sich nicht blos imschweizerischen Erziehungswesen findet.
Dem vorherrschenden Charakter der Bildung entspricht derjenige der Literatur,die wesentlich eine populaire ist. Beiweitem überwiegend ist die periodische Presse.Die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften wird auf 109 angegeben, worunter 63politische. Im Durchschnitt ist also ein Journal auf 21000 Einwohner zu rechnen.Cautionsleistung für die Herausgabe öffentlicher Blätter ist fast nirgend erfoderlich;doch sind dieselben in einigen Cantonen einem wenn auch geringen Stempel unter-worfen. Wirft man zumal der schweizerischen politischen Presse einen rohen Tonund ein Herumtreiben in kleinlichen Persönlichkeiten vor, so läßt sich doch ein Fort-schreiten zum Bessern im Vergleiche mit frühern Jahren nicht verkennen, und wenig-stens hat die Schweiz in der neuesten Zeit die Genugthuung erlebt, daß die aus derSklaverei der Censur entlassene deutsche Presse sich nicht besser geberdete. Wahr ist,daß die öffentlichen Blätter der Schweiz an oberflächlichen und schiefen Urtheilen überdas Ausland nur allzu reich sind. Aber sie üben darin unwillkürlich eine Art vonWiedervergeltung gegen das monarchische Ausland und das neurepublikanische Frank-reich aus, da auch in deutschen, französischen, englischen Blättern die eigenthümlichenschweizerischen Verhältnisse auf das gröblichste und unverantwortlichste mishandeli wer-den. Neben den einheimischen Blättern werden viele auswärtige Zeitungen unlr Zeit-
*) Hiernach erklärt eS sich, Wenn in Frankreich in den Jahren 1839 — 40 von >e 100(1Conscribirten nur 572 lesen und schreiben konnten. Zm Canton Genf konnten 1843 — 44Von 716 Jünglingen nur 15 weder lesen noch schreiben, und 2 nicht schreiben, aber lesen.