426 Der Funfzigerarrsschuß.
und selbst ein großer Theil seiner Bürger mochte lieber auf Berlin blicken als aufFrankfurt.
War es also nicht möglich, jede Beschränkung der allgemcindeutschen Bedeu-tung des Parlaments im voraus abzuwehren, so bemühte man sich doch, Alles zuentfernen, was aus dessen künftiges Wirken einen Schatten der Abhängigkeit werfenkonnte. So, als auf Befehl des Bundestags ein kurhessischer Heerestheil sich in derProvinz Hanau sammelte. Es konnte freilich Keinem zweifelhaft sein, daß diese Trup-pen bestimmt waren, im Nothfall gegen den Hecker'schen Aufstand verwendet zu wer-den ; aber eben gegen Dies legte der „Volksrath" zu Hanau Verwahrung ein.Nicht minder erklärte sich der „Volksrath" (ein in den Unruhen jene.r Zeit gewählterleitender Ausschuß der hanauer Bürger) gegen die Aufstellung dieser Truppen „zumvermeintlichen Schutze der Nationalversammlung". Die Sache kam am 22. Apr.im Ausschuß zur Sprache. Die Verhandlung darüber war bezeichnend für die da-maligen Zustände, und deutete prophetisch auf Manches, was im Laufe dieses unddes nächsten Jahres an den Tag treten sollte. Robert Blum wandte hier zuerst aufdie deutschen Verhältnisse jenen Ausdruck an, der aus den Jahrbüchern der französi-schen Nationalversammlung stammt, und später bis zum Überdruß wiederholt wurde:„Unter Bayonneten könne man nicht berathen." Heckscher, obschon er damals seinenStandpunkt mehr links hatte, meinte: „Da dem deutschen Volke eine Verfassungs-form in keiner Weise mit Gewalt aufgedrungen werden dürfe, so müsse der Auf-stand unterdrückt werden. Eine Truppenaufstellung zum Schutze der Nationalver-sammlung wäre jetzt verwerflich; nicht aber könne man eine solche Maßregel für alleFälle und für alle Zukunft ausschließen." Man beschloß, „den Hanauern für ihre pa-triotische Wachsamkeit zu danken", und den Bundestag um nähere Auskunft anzu-gehen; schon am folgenden Tage aber fand man, in Folge neuer Mittheilungen ausHanau, das Abwarten einer solchen Auskunft nicht mehr nöthig, und faßte den ge-bieterischen Beschluß, daß die kurhessischen Truppen, wenn sie nach der westlichenGrenze Deutschlands bestimmt seien, unverzüglich dahin abmarschiren, wenn sie aberdiese Bestimmung nicht hätten, sofort zurückgezogen werden möchten.
Einen heitern Gegensatz zu dieser Verhandlung bildete die Berathung des An-trags von Venedey, eine „Parlamentswehr" von 10000 Mann zu bilden (28. Apr.).Dieser Vorschlag war ein Musterstück von politischer Weisheit und Einsicht in dasWesen der Krieg-szucht, zurechtgeschnitten nach groben Schablonen, wie sie bei idea-listischen Neuliugspolitikern beliebt sein mögen. Die Parlamentswchr sollte aus Frei-willigen bestehen, welche sich, wahrscheinlich zur Befestigung des soldatischen Gehor-sams, ihre Führer selbst wählen sollten; sie hatte die Bestimmung, die Ruhe undden Frieden im Lande wiederherzustellen, wo ungesetzliche und gewaltsame Störungstattgefunden; zwei Mitglieder des Ausschusses, später zwei des Parlaments, solltenzu Friedensstiftern erwählt werden, „um überall der Parlamentswehr vorherzuziehen,den Frieden, zu bieten und herzustellen, ehe die Macht der Waffen angewendet werde".Man wird es in besonnener und vernünftiger Zeit kaum glaublich finden, daß einsolcher Antrag, dessen geringste Lächerlichkeit seine Unmöglichkeit war, zur Ehre einerBerathung kommen konnte. Freilich begnügte man sich zuletzt, ihn einfach an dieNationalversammlung zu überweisen (9. Mai).
Die Aufgabe des Ausschusses, der Wirksamkeit des Parlaments vorzuarbeiten,konnte sich nicht ausschließlich auf Das beschränken, was die Zusammenberufung undSicherung der Versammlung unmittelbar betraf; in weiterer Beziehung gehörte inden Kreis seiner Thätigkeit die Bekämpfung eines jeden Versuchs, an dem noch Be-stehenden voreilig zu rütteln, die zählenden Zustände Deutschlands noch mehr zu ver-wirren, oder sie gar gewaltsam in neue Formen umzugießen — also fast Alles, wassich damals in Deutschland, sei es in den Cabineten der Höfe oder unter den auf-geregten Massen, begeben mochte. Der Ausschuß zeigte sich wachsam und unermüd-lich, und suchte bald durch Aufrufe, bald durch Sendung von Mitgliedern, balddurch Beschlüsse zu versöhnen, zu helfen, zu ermähnen, zu vermitteln, jcnachdem es