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Vierter Band.
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Die Afghanen und ihr Reich. 465

lich einen andern Staatengründer im Morgenlande auffinden können, von welchemdie Geschichte so wenig grausame, blutige Thaten zu erzählen weiß, und der mit sovollem Recht auf die Dankbarkeit seines Volks Anspruch machen kann als Ahmed-Schah, Dor Doran.

Limur, der Afghanen König; die Verwaltung der Provinzen; Kaschmir; die Balutschenund die Brahui; Sindh oder Zungägypten.

Gleich nach dem Tode des Fürsten (Juni 1773) versammelte Walli-Khan, der» Bezier Ahmed's, die einflußreichen Männer des Volks und suchte sie für seinenSchwiegersohn, einen jungem Bruder Timur's, zu gewinnen. Derselbe ward auchals König ausgerufen. Timur eilte aber schnell mit einer großen Anzahl Duraniund Aimak von Herat herbei; der verrätherische Vezier mußte sich seinem erzürntenGebieter unterwerfen, und Soleiman entsagte jedem Anspruch auf die Herrschaft.Walli-Khan ward eines Mordes wegen, den er ehemals begangen haben sollte, hin-gerichtet, und alle Länder des Duranireichs gehorchten jetzt ohne Widerrede ihremneuen Gebieter. Es ist nämlich eine herkömmliche heuchlerische Sitte asiatischerDespoten, um dem Haß einer aus Staatsgründen veranlaßten Hinrichtung zu ent-gehen, ihre Gegner unter dem Verwände dieses oder jenes bürgerlichen Vergehensaus dem Wege zu räumen. Dies ist ihnen auch sehr leicht; denn welcher Macht-haber des Morgen- und Abendlandes hätte sich nicht diese oder jene Unthat, dieseoder jene Rechtsverletzung zu Schulden kommen lassen?l Schah Timur suchte sich nun für die Mühseligkeiten, die er in den jünger»

! Jahren unter den unaufhörlichen Kriegszügen zu ertragen hatte, im Müßiggänge, im

I Wohlleben und in andern sinnlichen Genüssen schadlos zu halten. Er war zu Me-

§ sched (17ä6) geboren und in persischer Umgebung erzogen worden. In den Jüng-

lingsjahren ward er zum Statthalter im Fünfflußgebiete erhoben; später bekleidete er^ dieselbe Würde in Chorasan, zu Herat. Dadurch ward Timur dem ganzen Leben

l der Puschtaneh so entfremdet, daß er sich kaum fließend in der Sprache seines Volks

ausdrücken konnte. Wol wissend, daß er bei den Durani wenig beliebt, suchte ersich mit den Tadschik und den persischen Colonien im Afghanenlande zrr befreunden:er wollte sie. als Stützen brauchen gegen das bauernhafte Wesen und den meuteri-schen Geist der Durani. Der Schah war durch seine indischen und persischen Hof-! leute gewohnt, allenthalben ein geschmeidiges Wesen und unbedingte Unterwerfung zu

> finden; es war ihm unerträglich sich im Afghanenlande blos als der Erste seines

- Volks verehrt zu sehen. Deshalb sann er jetzt auf Mittel, dieselbe schrankenlose Macht

zu erwerben, gleichwie die Fürsten Persiens und Hindostans.

Nadir hatte, zur Begründung seiner Herrschaft in Afghanistan, eine Anzahltürkischer Stämme und Perser nach Kabal und in die Umgebung dieser Stadt ver-pflanzt, von der rothen Farbe ihrer hohen und breiten, tiaraähnlichen Kopfbedeckungj Kisilbasch oder Rothmützen genannt. Es sind dies drei verschiedene Clane, welcheunter einem eigenen Vorstände stehen, der für ihr gutes Betragen verantwortlich ist:die Dschawanschir, Afschar und Murad-Khani, welche damals auf 7 — 8000 Fa-! Milieu sich belaufen mochten. Ihre Anzahl ward wol deshalb hier und da höhergerechnet, weil man die ganze Schiahbevölkerung Afghanistans, namentlich die Ha-! sarah, zu den Kisilbasch zählte. Es haben die Perser in Kabal alle Eigenschaften

> ihrer Landsleute beibehalten; sie sind aufgeweckten Geistes, freisinnig, einschmeichelnd,

! und wenn man über ihre maßlose Eitelkeit hinwegsehen will, höchst angenehme Ge-

> sellschafter. Man wird aber unter ihnen nur höchst selten einen ehrlichen, wahrheitliebcn-den und wackern Menschen finden. Der Perser ist falsch, heuchlerisch und grausam;er ist habsüchtig, wollüstig und unverschämt. Dem Hohen und Mächtigen begegneter mit hündischer Schmeichelei, den Untergebenen behandelt er hingegen mit hochfah-rendem Stolze und unmenschlicher Geringschätzung. Mit diesen Leuten hielt es Ti-

^ mur. Ahmed verpflanzte auch eine Colonie Armenier nach Kabal; es hatte sie Na-! Die Gegenwart. IV. 30