466 Die Afghanen und ihr Reich.
dir in den Kriegen mit den Türken gefangen genommen und nach Chorasan überge-siedelt. Man gestattete ihnen freie Ausübung ihrer Religion und die ungestörteLeitung ihrer eigenen innern Angelegenheiten. Die Tüchtigsten dieses Volks wurdenselbst zur Leibwache auserkoren und begleiteten den König auf allen Kriegszügen. Essteht aber der Armenier in keiner Art von Niederträchtigkeit hinter dem Perser zurück»in niedriger Kriecherei, in Geiz und Habsucht überragt dieser Christ noch den schu-lisch en Muselman.
Kandahar, in dessen Nähe die meisten freiheitstolzen Popalsi hausten, ward vonTimur verlassen. Nach Kabal, einer von so vielen Fremden bewohnten Stadt Af-ghanistans, ward seine Residenz verlegt. Aus diesen Fremden ward dann eine Leib-wache geschaffen, Gholani-Schah, Fürstenknechte, geheißen, welche den Schah inseiner Burg bewachen und auf allen Wegen und Stegen begleiten mußten. DieseGarden wurden nicht nur vortrefflich bezahlt, sondern erhielten auch, um sie nochmehr an den Fürsten zu ketten und von den Afghanen zu entfernen, mancherleiVorrechte. Die Macht der Kisilbasch, deren mehre, durch den hohen Sold angelockt,aus dem benachbarten Chorasan herbeikommen, ward dadurch so gesteigert, daß dieKönige Afghanistans zu manchen Zeiten um ihre Gunst buhlen mußten und siedurch große Geschenke wie durch Pensionen zu erwerben suchten. Eine natürlicheFolge hiervon war, daß sich die Durani von ihrem Fürsten entfernten, daß sie mitIngrimm auf die sklavischen Fremden und Ketzer hinsahen, welche für starken Solddie Freiheit ihrer Mitbürger verhandelten.
Zn ähnlich hinterlistiger, zur Begründung einer unumschränkten Herrschaft be-rechneten Weise verfuhr Timur bei der Wahl seiner vertrauten Diener oder Beam-ten. Fremde zog er herbei oder Leute gemeiner Gesinnung und gemeiner Abkunft,damit die Knechte bei dem Volke, bei einer zahlreichen Verwandtschaft keine Stützefinden und ihr Heil blos in der Vollziehung der Befehle des Herrn suchen möchten.Die Krön- und Staatsämter, welche Ahmed-Schah den ersten Abdallifamilien inerblicher Weise verliehen hatte, wurden ihnen zwar nicht entrissep; man machte aberkeinen Gebrauch von deren Diensten, wodurch dann diese Ämter natürlich zu bloßenNamen oder Titeln herabsanken. Timur verwendete große Sorgfalt auf die Ord-nung der Finanzen, er suchte mit den gewöhnlichen Abgaben und Erträgnissen desLandes auszukommen, damit das Volk beb neuen Auslagen keine Gelegenheit erhielt,seine andern Beschwerden anzubringen. Dem Schatzmeisteramte ward ein Hindi,ein großer Günstling des Monarchen, vorgesetzt, durch welchen dessen Landsleute sichnicht blos Sicherheit der Personen, sondern auch eines ungestörten gewinnrcichenHandels erfreuten.
Timur wähnte, eine Monarchie, die erst ganz neulich aus Eroberungen hervor-gegangen, könne alsbald nach eigenem Ermessen das Schwert in die Scheide steckenund blos auf Erhaltung des Erworbenen sinnen. Dies ist aber bei asiatischen Staa-ten, wo zu keiner Zeit die Idee des Gleichgewichts der Macht vorhanden war, ganzunmöglich. Das Recht geht eben nur so weit, als Kraft und Furcht reichen. Dasafghanische Heer, welches kaum aus 30Ü00 Mann bestand, ward vernachlässigtund erhielt geraume Zeit keinen Sold. Für die Artillerie wurden vorzüglich Euro-päer gesucht, und wol auch Reisende, die zufällig in das Land kamen, zu diesemEndzwecke gewaltsam zurückgehalten. Als sich der einsichtvolle, scharf beobachtendeReisende Georg Förster (1783) zu Kabal befand, hatten die afghanischen Truppenseit zwei Jahren keine Löhnung erhalten; nur die bestimmte Erklärung, sie würdensich gegen die Regierung erheben, wenn man sie nicht schnell befriedige, konnte ihnenzu ihrem Rechte verhelfen. Es ist natürlich, daß unter solchen Umständen im In-nern mehre Verschwörungen entstanden und Aufstände sich erhoben; es ist natürlich,daß die Statthalter der fernen Provinzen auf Abfall sannen, und die benachbartenStaaten aus die Zertrümmerung des vor einigen Jahrzehnden entstandenen Asgha-nenreichs losgingen. Die Empörer, unter denen ein frommer Derwisch hervorragt,der die Ermordung des Schah übernommen hatte, konnten ihr Ziel nicht erreichen,