470 Die Afghanen und ihr Reich.
zu Hause, gleichviel fei es diesseit oder jenseit des Amu. Menschenraub und Men-schenhandel, der sich bis ins Familienleben erstreckt — die Frauen werden gleichwiedie Sklaven als eine Waare betrachtet — scheinen bei diesem Volke jedes bessereGefühl erstickt zu haben. Vergebens forscht man unter den zahlreichen Stämmendieser Turkmanen nach jenem edlen Stolze auf die Abstammung, von welchem derAfghane erfüllt ist; auch findet man unter ihnen kein gegenseitiges Zusammenhaltender Gau- und Clangenossen, und noch viel weniger eine Anhänglichkeit an das ge-meinschaftliche Oberhaupt. So lange der Häuptling ringsum Furcht einflößt undsich mit Macht behauptet, wird ihm sklavisch gehorcht: Freunde und Stammesgenos-sen blicken mit Stolz zu ihm empor. Es ist aber der Beg nicht sicher, daß nichtmorgen dieselben Sklaven, wenn eine Gelegenheit sich darbietet, ihn ergreifen undüber die hohen Pforten des Palastes hinabstürzen — eine gewöhnliche Todesstrafeabgesetzter Fürsten.
Balkh und alle Länder südlich des Oxus„ welche Nadir der Oberherrschaft desUsbeg-Khan von Bochara entrissen und mit seinem Reiche vereinigt hatte, fielennach dem Tode des Eroberers in die Hände des Ahmed-Schah und wurden vonafghanischen Statthaltern verwaltet. So lange Ahmed lebte, wagten es die Usbeg-häuptlinge nicht, mit Ausnahme des Beg von Kundus an der nordöstlichen Grenzedes Reichs, sich gegen die Herrschaft der Durani zu erheben. Ganz anders unterseinem Sohne, dem schwachen Timur. Von Bochara aus, dessen wechselvolle Ge-schichte zu der Zeit mit den Zuständen der nordöstlichen Besitzungen des Afghanen-reichs innig verbunden ist, ließ man es auch nicht an wiederholten Anreizungen zumAufstande und kräftiger Unterstützung fehlen. Der geistesschwache Abul Feis, derLehnsmann Persiens, konnte sich nach dem Abzüge Nadir's nicht lange mehr aufdem Throne behaupten: er ward von seinem Vezier Rahim-Khan, aus dem Usbeg-stamme Mangat, ermordet. Dieser bemächtigte sich nun selbst der Herrschaft, undwar so glücklich, sie auf seine Familie zu vererben. Mit der Erhebung des Nahimerlischt die männliche Nachkommenschaft des Tschinggis-Chakan auf dem Throne zuBochara. Zu den Zeiten des Durani Timur herrschte in diesem Lande einer derNeffen Ahmed's, Murad-Schah genannt, bei seinen Landsleuten gemeinhin unterdem Kindernamen Beggidschan bekannt. Murad-Schah scheint ein wunderlicher, je-doch in vielen Beziehungen trefflicher Mann gewesen zu sein. Obschon unumschränk-ter Fürst, im vollen usbegischen Sinne des Works, war seine ganze Lebensweise undsein ganzes Benehmen mehr das eines frommen, armen Mullah und Gelehrten, alseines mächtigen, über große Reichthümer gebietenden Beg. Es war Murad, wäh-rend die Durani gegen die Talpur stritten, mehrmals über den Amu gesetzt undhatte einen großen Theil der Lande Chorasan und Balkh überzogen. Viele Ein-wohner wurden geraubt und als Gefangene nach dem Usbeglande abgeführt.
Die Streitigkeiten in Sindh waren jetzt beigelegt, und Timur sandte alsbaldein förmliches Absagschreiben nach Bochara. Mein Vater Ahmed-Schah, schreibtTimur unter Andcrm, stand immer in freundlichen Verhältnissen mit euch, und auch ichsuchte sie aufrechtzuerhalten. Dessenungeachtet war Schah Murad unaufhörlich be-müht, einzelne Theile meines Reichs ansichzureißen. Rüstete ich mich zum Kriege,so suchte er zwar die Gewalt meiner Waffen durch unterthänige Entschuldigungenund Erklärungen abzuwenden, ohne jedoch einen Fuß breit des angemaßten Landesherauszugeben. Jetzt hat der Schah Merw in Besitz genommen und die schulischenBewohner dieser Stadt weggetrieben, unter dem eiteln Vorwande, sie zur Sunnazu bekehren, was durchaus ungeeignet ist. Es hat kein Staat ein Recht, die Unter-thanen eines andern zu diesem oder jenem Glauben zu bekehren. Und dann, inwelche Widersprüche verwickelt sich nicht der Fürst von Bochara? Während er Ei-fer für die Sunna heuchelt, hindert er durch seine widerholten Einfälle die Durani,nach Hindostan zu ziehen, um dieses Land von den ungläubigen Hindu, den Judenund Christen zu säubern. Ja noch mehr, Murad bekriegt die sunnitischen Turkma-nen, die Bevölkerung von Schehr Sabs und Chokand. Diese Völker haben sich