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Die Afghanen und ihr Reich.
sämmtlich an mich gewendet, und ich werde, ihrem Rufe folgend, unverzüglich nachTurkestan aufbrechen, um die mir und ihnen widerfahrene Unbill zu rächen. WolleMurad den Krieg abwenden, so möge er persönlich erscheinen, damit die Zwisiigkeitenin friedlicher Weise geschlichtet werden können.
Timur zog in der That, im Frühling des nächsten Jahres (1789), mit einemgroßen Heere an die Ufer des Amu, wo einige im Ganzen unbedeutende Treffenzwischen den Afghanen und Usbegen vorfielen. Der schlaufromme Fürst von Bocharawußte wol, daß der schlaffe König, um des mühevollen Usbegenkriegs überhoben zusein, nichts sehnlicher wünsche, als Frieden zu schließen, wenn dies nur in irgendeiner nicht ganz unrühmlichen Weise geschehen könne. Murad sandte alle heiligenoder scheinheiligen Mullah Bocharas in das Duranilager; er ließ Timur bei demPropheten und der göttlichen Offenbarung beschwören, daß doch ferner das unschul-dige Blut der Gläubigen nicht mehr vergossen werde. Der Schah von Bocharawolle ja gern bekennen, er sei im Unrecht; dies sei so augenscheinlich, daß Gott stehdeshalb in dem letzten Treffen von ihm abgewendet habe. Timur gab vor, als machtendie heuchlerischen Reden einen großen Eindruck auf ihn, und der Friede kam schnellzu Stande: es wurden dem König Timur schöne Worte zu Theil, und Murad be-hielt seine Eroberungen. Nicht weniger schmachvoll war der Zug der Durani gegenMesched. Vergebens belagerten die Afghanen ein ganzes Jahr lang die heilige Stadt:sie mußten »»verrichteter Dinge abziehen.
Siman, der Afghanen König; Sirafras, Khan der Baraksi; der Khan von Balutschistan.
Timur starb (20. Mai 1793), ohne irgend eine Anordnung zu hinterlassen,wie es mit der Erbfolge gehalten werden solle. Seine schwachsinnige Politik hatte,während der 20jähr!gen Regierung, nach innen wie nach außen alle Bande desGehorsams, wenn auch nicht gelöst, doch bedeutend erschlafft. Hätte er seine Zeit,anstatt auf persische Dichtungen, auf die Verwaltung des Staats verwendet, so würdeer das Land in besserm Zustande zurückgelassen haben. So erhoben sich aber gleichnach seinem Tode mehre Parteien, welche den Staat jetzt schon mit einer gänzlichenAuflösung bedrohten. Ahmed-Schah fürchtete bereits, es möchte der zahlreiche ClanBaraksi, welcher über 36000 Familien zählte, der Macht seines Hauses nachtheiligwerden: er suchte ihn deshalb zu trennen und aus den einzelnen Abtheilungen be-sondere Khane wählen zu lassen. Es gelang ihm aber diese weise Maßregel der Vor-sicht nur theilweise. Die Baraksi, welche ursprünglich im Süden von Kandahar biszur dürren Sandebene, die der schwache Hilmend durchzieht, wohnten, blieben auch dann,als eine Anzahl von ihnen ausgeschieden war, noch so mächtig, daß sie im StandeWaren jeder schwachen Regierung Gesetze vorzuschreiben. Nach dem Tode Timur'sgewannen sie entscheidendes Übergewicht über das afghanische Staatswesen. Siman-Schah, der Nachfolger Timur's, hatte dem Häuptling dieses mächtigen Clans seineKrone zu verdanken. Die Mutter Siman's schickte nämlich dem Khan ihren Schleierund beschwor ihn, ihr und ihrer Familie beizustehen — eine Bitte, welche, in solcherWeise vorgebracht, kein Afghane abschlagen darf. Sirafras, so hieß der Häuptling,vertrat nun, den Kisilbasch und andern fremden Truppen gegenüber, das Interesseder Durani und suchte die Macht des Reichs zusammenzuhalten. So lange Sira-fras das Vertrauen des Königs besaß, scheiterten alle die zahlreichen Versuche, irgendeinen andern der Söhne Timur's auf den Thron zu setzen, an der Besonnenheitdieses Anführers und an der Tapferkeit seiner Genössen.
Der Ruhm, welchen die Afghanen in der Schlacht bei Panipat gewannen,war noch in frischem Andenken bei dem Volke und den Fürsten Hindostans, unddie Kunde von dem Verfalle der Duranimonarchie blieb in den Ländern jenseit desIndus noch unbekannt. Beide, das Volk und die Fürsten, blickten deshalb, gleichwiezu unserer Zeit nach Rußland, so in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, theilsmit Hoffnung, theils mit Furcht nach Afghanistan. Es hofften die MohammedanerVon ihren Glaubensgenossen, den Puschtaneh, Erlösung aus dem Joche der Maharat-