Band 
Vierter Band.
Seite
474
JPEG-Download
 

474 Die Afghanen und ihr Reich.

konnte, ein Unternehmen, das durch die Wirren in Afghanistan nicht wenig gefordertwurde. Es ist nun zum Verständniß der nachfolgenden Ereignisse nothwendig, inkurzem den Ursprung und die Entwickelung der neuen Kadscharenmacht zu berichten.

Jahrhunderte lang, so sagt der persische Geschichtschreiber, dem wir folgen, führ-ten die Kadschar, welche zum türkischen Stamme der Dschelair gehörten, ein ver-gnügliches Leben unter ihren Brüdern und Genossen in Turkestan; die Sommer-monate verbrachten sie mitten unter ihren Viehheerden auf dem fruchtbaren Alpenge-birge des Nordens; im Beginne des Winters stiegen sie hinab in die entzückendenEbenen der südlichen Länder. Der Ehrgeiz von fünf Brüdern, aus einem Stamme »entsprossen, „die fünf Finger an der Hand des Glücks", wovon der älteste, Kad-schar, seinen Namen dem ganzen Stamme beilegte, scheuchte sie aus aus diesem stillen !Frieden und zog sie in das verhängnisvolle Getriebe der Welt. Sie setzten über denAmu und stiegen in den verschiedenen Provinzen Zrans bald zu großem Ansehen empor.Schah Abbas fürchtete die zahlreiche, engverbundene, kriegerische Masse: er theilte siedeshalb, und sandte sie nach drei verschiedenen Richtungen. Zu der Umgegend vonMerw ward die eine Abtheilung, den Usbegen gegenüber, angesiedelt; die andere umGandscha und Eriwan, nach Rum zu gerichtet, und die dritte in Astrabad, um dieEinbrüche der wilden und gesangreichen Turkmanen abzuhalten.

Sobald Wirren in Iran entstehen, dies sehen wir zu allen Zeiten der persischenGeschichte, werden die Häupter der zahlreichen persischen, kurdischen und türkischenClane, die seit den frühesten Jahren die Ländergebiete vorn Oxus bis zum Euphratviehweidend durchziehen und nur geringen Ackerbau betreiben, vom Ehrgeiz ergriffenund erheben sich, um über das ganze Reich die Herrschaft zu erringen. So auchdie Kadschar zur Zeit Husain's und des Schah Thamasp. Fach Ali, Khan derKadschar zu Masanderan, war auf Befehl Nadic's (1726), dem er im Wege stand,enthauptet worden, und der Sohn desselben, Muhammed Hasan, mußte unter den !Zelten der wandernden Turkmanen Sicherheit suchen. Nach dem Tode Nadir's kehrteder Häuptling in die Heimat zurück, versamnrelte seine zahlreichen Genossen undkämpfte glücklich gegen Kerim, den Fürsten des persischen Stammes Send. Die ,Blutfehde zwischen mehren Familien der Kadschar und den Send horte aber nichtauf. Muhammed-Khan siel endlich (1788) selbst in diesem Kampfe, und Kerim,welcher unter dem bescheidenen Titel eines Wekil Persien regierte, besetzte Masan-deran, wie dies schon früher mit Tabaristan geschehen war. Die angesehensten, ein- :

flußreichstcn Männer des feindlichen Stammes und die jüngern Prinzen wurden als- ^

dann nach den verschiedenen Marken des Landes in Verbannung gesandt; die beiden ^ältesten Söhne des gefallenen Khan, Aga Muhammed und Husain-Khan, brachte ^man nach Schiras, der Hauptstadt Kerim's, und sie erfreuten sich hier, ein seltenesBeispiel in der persischen Geschichte, eines vergnügten, ungestörten Lebens in der !Nahe des großmächtigen Sendherrschers.

Dessenungeachtet war nach dem Tode Kerim's (1779) das Herz des ent-mannten Aga Muhammed nicht von Dankbarkeit, sondern blos von Rache erfüllt:er schwur, nicht eher-zu ruhen, bis der letzte Sprosse Kerim's gefallen und sein eige-nes Haupt mit der Krone der Schahinschah geschmückt sei. Nücksichtlose Grausam-keiten gegen den Feind und wilde Härte gegen die nächsten Freunde, von Klugheit !und Beharrlichkeit unterstützt, ließen ihn gegen Aller Erwartung in wenigen Jahrendas erwünschte Ziel erreichen. Unfern der Weideplätze der Stammesgenossen, aufderen Tapferkeit er seine Macht stützte, zu Teheran, an dem Fuße einer hohen Berg-kette gelegen, die Iran von Masanderan trennt, hakte der einsichtvolle Schahinschah !(1785) die Hauptstadt der neuen Kadscharendynastie errichtet. Aga Muhammed ^fand jetzt seine Herrschaft in den westlichen Provinzen, Georgien ausgenommen, woHeraklius (1788) die russische mit der persischen Oberhoheit vertauscht hatte, so be- !festigt, daß er einen Zug nach Osten gegen Mesched hin unternehmen konnte. Na-dir-Schah, der Sohn des Schahroch, war zu den Afghanen entflohen und sein blin-der Vater mußte alsbald (1795) die schwache Beste den Persern übergeben. Mu°