Band 
Vierter Band.
Seite
555
JPEG-Download
 

555

'G-

>

Die moderne Oper.

Allgemeine Charakteristik.

iOer Oper ist die Rolle des verlorenen Sohns in der modernen Kunstgeschichte zu-gefallen. Wo irgend ein krankhafter Stoff im künstlerischen Leben der Nation durch-bricht, da hat er sich in der Regel zuerst und am deutlichsten in der Oper gezeigt;sie ist vergleichbar jenen sensiblen Körpertheilen, auf welche jede Reizung des Orga-nismus bei manchen Personen allezeit zuerst ihre Wirkung äußert. Kränkelte daskünstlerische Geschlecht an einem Übermaße der Sentimentalität, der Zerfahrenheit,der Erschlaffung, der Frivolität, dann war immer dieses Leiden nirgend handgreifli-cher wahrzunehmen als in den Opernschopfungen. Die Geschichte der Oper seit demAnfange des 18. Jahrhunderts gibt dem kundigen Auge ein überraschend vollständi-ges, fast systematisches Sündenregister der künstlerischen Entwickelung. Das sagenwir nicht, um die Kunstform der Oper zu verkleinern, sondern um auf ihre erstaun-liche, wahrhaft culturgeschichtliche Bedeutung aufmerksamzumachen. Die Oper ist ebenso recht das eigenste Kind unserer unfertigen, in sich ringenden und gährenden Zeit:daher diese sensible Natur, dieses Hingegebensein an jeden äußern Eindruck. Sie isteine Kunsterscheinung, über welche weder die Künstler noch die Kunstgelehrten mitsich selbst recht ins Klare gekommen sind, eine Erscheinung, die seit Mozart ihrealten Grenzen durchbrochen, den früher festbestimmten Begriff ihres Wesens gesprengthat, ohne daß sie sich dafür bisjetzt noch in einem neuen Begriff fixiren konnte.Daher tritt sie uns schon seit mehr als einem Menschenalter wie eine fortlaufendeKette von Experimenten entgegen. Allein diese Experimente haben einen solchen Ein-fluß erlangt, daß hier die Beschränkung auf das bloße Glücksspiel des Versuchs fastals etwas die ganze Kunstpflege Bedrohendes erscheint. Denn gerade seit dem Zeit-punkte, wo die Oper selbst nicht mehr recht Miß, was sie eigentlich will, und nachder Festsitzung ihres eigenen Berufs umhertastet, ist sie der Schwerpunkt unsererhohem musikalischen Entwickelung geworden. In einem beschränktem Kunstkreisemag das schlichte Lied maßgebend sein auch für die musikalische Bildung des großemPublicums; der einzige Begriff einer großem musikalischen Schöpfung aber, welcherin die Masse dringt, beschränkt sich auf die Oper. Nehmen wir unsere Sängerbündeund Sängerfeste aus, dann ist die Opernbühne der einzige Ort, wo das große Publi-kum, das Volk, sich seine musikalische Bildung, seine Anschauungen der Tonkunstholt. Hier ist der unmittelbare Eindruck der gewaltigste. Stellt man eine Statistikdes Besuchs unserer Theater auf und vergleicht die Proportion, in welcher„der Schau-spielbesuch dem Opernbesuch gegenübertritt, dann wird man bald zu der Überzeugungkommen, daß ksnem st 6irosnss8 heutzutage heißt: Brot und Opern. Es ist indieser Beziehung ein merkwürdiger Umschlag eingetreten. Vor hundert Jahren wardie Oper das fast ausschließliche Eigenthum der feinen, aristokratischen Gesellschaft,das Schauspiel gehörte dem Volke; jetzt ist es fast nur noch die Aristokratie derGebildeten, welche dem Schauspiel ihre Aufmerksamkeit zuwendet, dagegen ist dieOper das eigentliche Volksschauspiel geworden.

Wenn aber das große Publicum durchschnittlich nicht viel wissen will von denneuen deutschen Opern, desto mehr hingegen von den italienischen: so wird es dabeivon einem ganz richtigen Instinkt geleitet. Denn die modernen italienischen Opern-componisten, mögen sie im Übrigen noch so tadelnswerth sein, wissen doch noch ammeisten, was sie eigentlich wollen: sie wissen sich zu beschränken, an feste Formen zuLinden und dadurch verständlich zu bleiben. Dies leuchtet der großen Masse ein,welche das Oberflächlichste, wenn es nur in sich abgeschlossen, sicher und fertig ist,immer dem Genialsten, sofern es beim bloßen Anlauf und Versuche stehen bleibt,vorziehen wird. Nirgend herrscht aber größere Zersplitterung, unsichereres Umherta-sten als gerade bei den neuen deutschen Operncomponisten. Es ist ein wahrer Jam-