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Vierter Band.
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. Die moderne Oper.

mer, zu sehen, wie hier oft die herrlichsten Perlen und Edelsteine in den Sand ver-streut werden, statt daß man sie zu einem glänzenden Diademe vereinigte.

Die alten Meister vor Gluck und Mozart wußten ganz genau, was sie wollten.

Sie beabsichtigten ganz einfach, eine dramatisirte Cantate mit Musikstücken zu schmücken,welche dem Sänger möglichst reiche Gelegenheit gäben, seine Kunstfertigkeit nach al-len Seiten zu entfalten. Das war ein sehr bescheidenes Ziel; es war aber doch we-nigstens überhaupt ein Ziel. Viele erreichten es und leisteten Vollendetes in derLösung dieser bescheidenen Aufgabe. Auch Gluck wußte noch ganz genau, was erwollte, auch er hatte sich noch ein ganz bestimmtes Ziel gesetzt und bewegte sich infesten Formen. Gleich seinen Vorgängern wollte er eine dramatisirte Cantate mitMusikstücken schmücken; doch sollten dieselben nicht sowol dazu dienen, die beste Gele-genheit zur Entfaltung eines kunstgerechten Gesangs zu geben, als vielmehr das in-nere dramatisirte Leben der Situation in ein erhöhtes Licht zu setzen. Nun kamMozart und begann mit jeder neuen Oper — einen neuen Versuch anzustellen: soin dem „Zdomenco" und „Titus" mit der alten Hcldcnoper, im „Figaro" mitder leichtgeschürzten französischen Conversationsoper, in der „Zauberflöte" mit einerErweiterung der local-östreichischen Zauberoper, während er im „Don Juan" dieersten gewaltigen Grundaccorde der romantischen Oper anschlug. Ganz ähnlich ver-fuhren seine beiden großen Zeitgenossen, Schiller und Goethe, in der dramatischen ^Dichtung. Auch sie stellten Versuche nach allen Seiten an und führten dadurch 'bei den Nachfolgern eine ähnliche Zersplitterung, ein ähnliches unsicheres Umhertasten ^herbei, wie es seit Mozart in der deutschen Oper stehend geworden ist. Zwar istes unverkennbar ein Ziel, auf welches jeder Ansaß zu einer neuen Periode in derEntwickelung der Oper seit Gluck und Mozart hindeutet: die Jndividualisirung desmusikalischen Ausdrucks, die Abstufung desselben zu den mannichsaltigsten Localtönen,das völlige Sichdecken der dramatischen Situation und des musikalischen Ausdrucks; >aber dabei gewahren wir wunderbar verschlungene Abwege, die gleichsam den Gipfel ^eines Berges umkreisen und so endlich in langgewundener Spirallinie der Spitze zuführen.

Die festen, herkömmlichen Formen der Oper sind abgestreift worden, ohne durchneue ersetzt zu werden. Die alten Componisten und Textschreiber hatten ihre un-umstößlichen Regeln, ihre genau vorherbestimmte Eintheilung, nach welcher sie ihreOpern machten. Das waren Grundregeln, die den Leuten so sicher gegenwärtig warenwie das Ein mal Eins. Der Componist war nicht der Willkür des Dichters, derDichter nicht der Laune des Componisten unterworfen. Einen Dichter, der denText einer Arie aus drei Theilen statt aus zwei hätte zusammensetzen wollen, würdeman als einen Nichtskönner ausgelacht haben, und ein Musiker, der eine Arie reci-tativisch-melodramatisch hätte behandeln wollen, würde als ein Stümper durchgefallensein. Dies mag der modernen Genialität sehr handwerksmäßig klingen; in großenWerken ist aber ein handwerksmäßiger Grundriß des Ganzen durchaus nothwendig,und die Oper kann so wenig wie das Drama konventioneller Formen und Regelnentbehren. Die alte griechische Tragödie hatte auch ihr hergebrachtes Gerüst- undLattenwerk: sie ist dadurch doch nicht zopfig und philisterhaft geworden; und die al-ten, großen italienischen Operncomponisten bewährten sich gerade bei der conventionel- >len, zopfigen Structur ihrer Opern als die besten Meister. Hat man doch auch inder Instrumentalmusik feste, hergebrachte Formen, die weder Beethoven noch Men-delssohn — wie man sich gern einzureden sucht — zerstört haben. Diese Meister ^sind vielmehr gerade da am größten gewesen, wo sie dem ins Weite schwebendenDränge ihres Genius durch das Festhalten an den überlieferten Grundformen einMaß gesetzt haben. Die Oper allein glaubt solcher Übereinkunft und Regelung ent- ikehren zu können, und die Form der meisten Ensemblestücke in unsern modernen >

Opern besteht darin, daß sie eben möglichst formlos sind. Nun könnte man sich eine >

solche Verachtung aller konventionellen Hauptgliederung vielleicht gefallen lassen, wenn ^nur Consequenz darin eingehalten würde. Dies geschieht aber 'keineswegs. DerComponist verschmäht es z. B. durchaus nicht, inmitten der fessellosesten dramatischen