573 Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.
deutsche Revolution in ihrem Schoose centralisiren werde, waren vornehmlich für die .momentane Beseitigung aller Einzelkammern. Aber auch selbst von den Gemäßigter»fanden sich sehr Viele, namentlich Diejenigen, welche in ihrer Schwärmerei für diedeutsche Einheit alle noch zu überwindenden Schwierigkeiten vergaßen, die der Ansichtwaren, daß erst die deutsche Verfassung vollendet sein müsse, ehe die Einzelstaatensich constikuiren könnten. Das Ministerium, obwol einen Augenblick schwankend, gabdoch zuletzt diesen Ansichten kein Gehör, und die öffentliche Meinung stand hierbei ,auf seiner Seite. Ein Staat wie Preußen, der sich mit einem Fuß noch in der sabsoluten Monarchie, mit dem andern in der Revolution befand, konnte unmöglich »seine Organisation aufschieben, bis ein Werk, dessen Vollendung noch gar nicht ab-zusehen, ins Leben getreten. Am Vorabend der Eröffnung der Sitzungen drohtenoch ein Etiquettestreit zwischen der Versammlung und dem Ministerium auszubrechen.Für die Sitzungen der Versammlung war nämlich in Ermangelung eines eigens dazugebauten Sitzunglocals das Gebäude der Singakademie bestimmt. Die Eröffnungs-sitzung jedoch sollte der Anordnung des Ministeriums gemäß im Weißen Saale desköniglichen Schlosses stattfinden, in demselben Saale, wo der Vereinigte Landtag seineSitzungen gehalten hatte. Mehre Abgeordnete wollten gegen diese Anordnung protesti- iren, indem sie sich auf den constitutionellen Brauch in andern Ländern beriefen, wo- !nach der König sich in das Sihungslocal der Abgeordneten begebe. In einer Vorver- >sammlung am 20. Mai, welche von etwa 100 Abgeordneten besucht war, beschloßman eine Deputation an Camphausen zu senden, um ihm darüber Vorstellungen zu 'machen. Die Mehrzahl jedoch erklärte, daß sie im Weißen Saal erscheinen würde, ,und die Minorität selbst, mit wenigen Ausnahmen, beruhigte sich bei Camphausen's !Erklärung, daß das Ministerium durch jene Anordnung keineswegs die Würde derVersammlung zu schmälern geglaubt habe. s
Eröffnung der Versammlung; der Berfassungsentwurf der Regierung; die ersten Sitzungen. ^
Am 22. Mai wurde die „Versammlung zur Vereinbarung der preußischenStaatsverfassung" — dies war der officielle Titel — durch den König eröffnet.Der äußere Anblick von Berlin hatte an jenem Tage durchaus nichts Ungewöhnliches.Die Radicalen, umsomehr unzufrieden mit dem Zusammentritt der Versammlung,als man wußte, daß die Wahlen im Allgemeinen weniger demokratisch ausgefallenwaren, nahmen wenig Antheil an einem Ereigniß, welches sonst wol ein Volk inBewegung setzen muß. Kaum hundert Neugierige fanden sich im Schloßhofe ein,um die Abgeordneten zu sehen, oder den Inhalt der königlichen Rede zu vernehmen.Die persönliche Stellung des Königs nach den Märzereignissen, besonders im Gegen-satz zur Zeit des ersten Vereinigten Landtags, ließ nichts anders als eine sehr ge-messene Thronrede erwarten. Unter freudigem Zuruf der Versammlung betrat derKönig den Saal. Mit fester Stimme verlas er die ihm vom Ministerpräsidentenhingereichte Thronrede. Mit freudigem Ernste, hieß es darin, begrüße der Königeine Versammlung, welche, aus allgemeiner Volkswahl hervorgegangen, berufen sei, >mit ihm die Verfassung zu vereinbaren, die einen neuen Abschnitt in der Geschichte ^Preußens und Deutschlands bezeichnen müsse. Die Versammlung werde, indem sie >das Werk beginne, die doppelte Aufgabe sich stellen, dem Volke eine ausgedehnteTheilnahme an den Angelegenheiten des Staats zu sichern, und zugleich das Bandenger zu schließen, welches seit mehr als vier Jahrhunderten sein Haus mit den Ge-schicken des Landes unzertrennlich verwoben habe. Der König bedauerte, daß dieinnern Verhältnisse es nicht gestattet hätten, das Ergebniß der frankfurter Versamm-lung abzuwarten; die Einheit Deutschlands sei indessen sein unverrückbares Ziel. InBeziehung auf die auswärtige Politik berührte er den Krieg mit Dänemark, den er >nicht provocirt habenden er aber aufzunehmen als deutscher Bundesfürst nicht habe ^anstehen dürfen, als die deutschen Marken bedroht erschienen. An demselben'Tageließ die Regierung der Versammlung den Entwurf zur künftigen Verfassung zugehen.Dieser Entwurf befriedigte Niemanden und diente nur dazu, das in den nieder»