Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 577
cvmmunistischen Ideen nicht ganz unbedeutendes Terrain gewonnen. Der Bürger»stand endlich war noch zum Theil in dem rheinischen Particularismus befangen, na-mentlich fürchtete er von der gemeinsamen Verfassung, daß sie ihm sein französischesRecht nehmen könnte. In Westfalen herrschte ähnlich, wie in der Rheinprovinz,die Geistlichkeit; doch gewann hier die Demokratie schon mehr Einfluß, weil derBauernstand gar sehr den Druck alter Privilegien empfand. Die Provinz Sachsengehörte entschieden der Opposition an, wozu der ultraconservative Adel sowie die reli-giösen Tendenzprocesse der frühern Regierung wesentlich beigetragen hatten. Gemä-ßigter war die Provinz Preußen, wo schon die schlechten Wege in den wenigbevöl-kerten Gegenden die Theilnahme an den politischen Bewegungen der Städte hemm-ten. Pommern und die Mark unterlagen dagegen dem Einfluß Berlins, währendin Posen die Nationalitäten sich um den Wahlsieg stritten.
Die Borversammlungen der Urwähler wurden die Tummelplätze alles Dessen, wasin der bewegten Zeit irgend eine Rolle zu spielen sich berufen fand. Natürlich warman in der Wahl der Männer sehr verlegen. Bisher hatte alles öffentliche Lebengefehlt, man kannte sich nicht, man kannte noch weniger die politischen Gesinnungenseiner Nachbarn. Unzählige Candidaten traten auf, Jeder legte sein politisches Glau-bensbekenntniß ab, in der Regel in allgemeinen Redensarten bestehend. Je mehrFreiheiten Einer bewilligen wollte, desto größern Beifall erntete er, nicht allein beiden Massen, sondern auch bei der Mehrzahl des kleinen Bürgerthums. Oft wurdendie heterogensten Dinge in ein und dasselbe System einbegriffen, ohne daß es denunerfahrenen Urwählern ausfiel. Es war dies eben bei der politischen Bildungsstufeder Mehrzahl nicht anders zu erwarten. In Berlin gehörte noch ein besondererGegenstand zu den Bestandtheilen eines Glaubensbekenntnisses: man mußte sich überdie Thronfolge aussprechen. So groß-war die politische Exaltation, daß nach demGrund oder Ungrund der Anschuldigungen gegen den Prinzen von Preußen garnicht mehr gefragt wurde. Selbst unter den gemäßigten Bürgern fanden sich Viele,die es als abgemachte Äache ansahen, daß der Prinz von Preußen seine Rechte aufden Thron fahren lassen müsse: wer dies in den Wahlversammlungen in Fragestellte, konnte so ziemlich gewiß sein, nicht gewählt zu werden. Die Wahlen derAbgeordneten selbst, obwol sie von den allerdings intelligentem Körperschaften derWahlmänner vollzogen wurden, boten nicht weniger Schwierigkeiten dar. Wo sollteman die politischen Köpfe hernehmen? Die Wenigen, die man kannte, waren nichtausreichend, indem man gleichzeitig Wahlen zum frankfurter Parlamente vorzunehmenhatte. Dann wieder war man verlegen, wen man für Berlin behalten, wen nachFrankfurt schicken sollte. Die Celebritäten des Vereinigten Landtags wünschten meistnach Frankfurt zu gehen, und so wurden denn für Berlin größtentheils neue, wenigoder gar nicht bekannte Männer gewählt. Im Ganzen fielen die Wahlen gemäßigteraus als man rechnen durfte: die beiden Provinzen namentlich, welche früher die ent-schiedenste Opposition gemacht hatten, sandten meist conscrvative Abgeordnete. DieZusammensetzung der künftigen Versammlung war indessen wenig geeignet/ großesZutrauen zu erwecken. Die Rheinprovinz sandte fast durchgängig Juristen und ka-tholische Geistliche, die Einen wegen ihres Formalismus, die Andern wegen ihrerultramontanen Bestrebungen gefürchtet. Schlesien sandte viele Bauern ohne alle Bil-dung. Von den 400 Mitgliedern der Versammlung waren 100 Justizbeamte, 50Verwaltungsbeamte, 50 Geistliche, 68 Bauern, 27 Lehrer, 28 Handwerker, 28 städ-tische Beamte. Von den Mitgliedern der frühern Ritterschaft wurden nur sehr we-nige gewählt; dieser Stand, der sich noch vor einem Jahre geweigert hatte, denStädten und Landgemeinden einige Abgeordnete mehr zu bewilligen, sah sich jetztfast grundsätzlich ausgeschlossen.
Kurz vor Zusammentritt der Versammlung erhob sich die neue Streitfrage, obdie preußische Volksvertretung mit dem deutschen Parlamente gleichzeitig tagen solle.Die Radicalen, welche von der frankfurter Versammlung erwarteten, daß sie dieDie Gegenwart. IV. 37