590 Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.
haben mußten. Ein Mitglied des Centrums, Wachsmuth, stellte in der Sitzungvom 15. Juni den Antrag, eine besondere Commission niederzusetzen, welcher derRegierungsentwurf und die auf die Verfassung bezüglichen Petitionen und Anträgeüberwiesen würden, und die sich mit der Umarbeitung desselben oder mit der Aus-arbeitung eines neuen Entwurfs befassen sollte. Ein Mitglied der Linken, Waldeck,hatte einen ähnlichen Antrag eingebracht, und Beide vereinten sich, die Sache gemein-schaftlich zu vertreten. Aber auch selbst in dieser mildern Form mußte der Regie-rung ein Antrag unangenehm erscheinen, der wenigstens indirect ihre eigene Arbeitbei Seite schob. Camphausen und Hansemann bekämpften deshalb den Antrag, in-dem sie zu zeigen versuchten, daß durch die Verweisung an eine besondere Commis-sion durchaus keine Beschleunigung erzielt werde. Die Rechte unterstützte das Mi-nisterium; mehre Redner erklärten den vorgeschlagenen Weg für unpraktisch und zeit-raubend, Andere sprachen sogar der Versammlung das Recht ab, durch Ausarbeitungeines neuen Entwurfs der Krone die Initiative zu rauben. Waldeck resumirte dieEinwendungen der Gegner. Man verlange einen ordnungsmäßigen Zustand. Dieserbestehe aber darin, daß alle staatlichen Einrichtungen mit dem großen System inEinklang gesetzt würden, das durch die Revolution zur Geltung gekommen. „Wirmüssen von unten aufbauen", rief er aus, „die Gemeinde müssen wir zuerst her-stellen, die traurigen Rechte des feudalen Staats zertrümmern. Wenn wir Das nichtthun, haben wir gar nichts gethan; wir pflügen im Sande, wir bauen in derLust." Endlich schritt man zur namentlichen Abstimmung über den combinirtenWaldeck-Wachsmuth'schen Antrag, der denn auch mit 188 gegen 142 Stimmendurchging.
So hatte sich eine Reihe von Umständen vereinigt, die Stellung des Ministe-riums immer schwieriger zu machen. Die Unruhen auf der Straße und die Debat-ten in der Versammlung waren ihm gleich ungünstig. Auch im Schosse des Cabi-nets schien keine Einigkeit mehr zu herrschen. Zn der Sitzung vom 17. Juni zeigteCamphausen den Rücktritt dreier Minister an; es traten aus: der Kriegsminister Gene-ral von Canitz, der Cultusminister Graf Schwerin, und der Minister des Auswär-tigen Freiherr von Arnim. Canitz hatte in parlamentarischer Beziehung wenig ge-wirkt, während Schwerin seiner schwankenden Haltung auf dem Vereinigten Landtagesowie seiner etwas schroffen Formen wegen nicht allgemein beliebt war; Beider Ab-gang ward darum weniger bedauert. Der Rücktritt Arnim's erschien dagegen alsVerlust; denn obgleich derselbe durch sein aristokratisches Wesen bei Manchen Anstoßerregte, schätzte man in ihm doch den talentvollen Diplomaten, dessen Politik in derdänischen und deutschen Frage sogar die öffentliche Meinung für sich hatte. Letzteresmochte wol auch der Grund zu Differenzen mit den übrigen Ministern gewesen sein,die mehr den preußischen Standpunkt festhielten. Auf Camphauscn's Wunsch wur-den die Sitzungen bis zum 20. Juni vertagt; bis dahin hoffte der Ministerpräsidentsein Cabinet zu ergänzen. Diese Hoffnung erfüllte Ich indessen nicht, vielmehr zeigteein Schreiben Camphauscn's am 20. Juni an, daß ihm die vollständige Ergänzungdes Ministeriums nicht möglich gewesen, sodaß er selbst den König um seine Ent-lassung gebeten habe. Am 25. Juni erst erreichte die Ministerkrise ihr Ende. Ausdem frühern Cabinet trat nur Hansemann ein, der zugleich mit der Bildung desneuen Ministeriums beauftragt war. Chef des Ministeriums wurde der Oberpräsidentder Provinz Preußen, von Auerswald, ein Bruder des ausgetretenen Ministers. DasKriegsdepartement erhielt General von Schreckenstein, ein energischer Soldat;.Mär-ker, einer der ausgezeichnetsten Criminalisten, übernahm das Justizfach; Kühlwetter,Regierungspräsident in Aachen, wurde Minister des Innern. Die übrigen Porte-feuilles wurden Mitgliedern der Versammlung gegeben, damit auch der constitutionelleBrauch seine Rücksicht erführe. Der bisherige Präsident der Versammlung, Milde,zür Rechten gehörig, wurde Handelsminister; Gierke, im Centrum sitzend, erhielt dasneugeschaffene Ackerbauministerium; aus dem linken Centrum wurde dessen Führer,der Generallandschaftsrath Rodbertus, zum Cultusminister ernannt. Nur für die