Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 597
müssen vor die Wohnung des Generals, um ihm eine Katzenmusik zu bringen. DieBürgerwehr wurde sogleich allarmirt; unterdessen aber hatte eine Compagnie Linien-infanterie den Platz vor dem Hause des Generals bereits gesäubert. Da erschiennoch eine zweite Compagnie. In einer Nebengasse, wo gar kein Publicum zugegen,-hatte diese schon geladen, und das Gewehr in die rechte Hand genommen. Aufdem Platze angelangt, schoß nun die Truppe nach der andern Seite hinüber, wo sichinzwischen die Bürgerwehr eingefunden hatte. Es fielen 102 Schüsse, in Folge deren14 Bürgerwehrleute getödtet wurden. Die öffentliche Meinung gab dem General dieSchuld dieses planlosen Feuerns. Später wurde behauptet, daß die niedern Offiziereden Befehl zum Feuern nicht gegeben, sondern daß die Soldaten ohne Commandogeschossen. Ein Gewehr sei nämlich losgegangen und habe einen Soldaten verletzt:die Übrigen hätten darum geglaubt, das Volk habe auf sie gefeuert und nun ihreGewehre losgedrückt. Gesetzausschreitungen waren hierbei begangen worden. DasEinschreiten der zweiten Compagnie war nicht nur ganz überflüssig, sondern dasFeuern, auf oder ohne Commando, ohne vorhergegangene Warnung, wie sie dasGesetz vorschrieb, gewiß ungesetzlich. Die öffentliche Meinung hatte also alle Ursache,aufgebracht zu sein.
In Folge von Petitionen, welche von Schwcidnitz aus eingereicht wurden, mußtesich die Nationalversammlung der Sache bemächtigen. Am 9. Aug. stattete die Pe-titionscommission ihren Bericht ab; Elsner, aus Schlesien, nahm das Wort als Be-richterstatter. Die Majorität der Commission beantragte, daß die Truppentheile, diebei jenen Ereignissen compromittirt waren, zur Vermeidung neuer Kollisionen sofortaus Schwcidnitz entfernt würden. Die Mmoritat wollte, daß die Versammlung eineCommission zur Untersuchung der Vorfalle an Ort und Stelle absende. Die äußersteLinke war aber mit den beiden Anträgen noch nicht zufriedengestellt: sie zählte inihren Reihen die meisten Abgeordneten Schlesiens, die natürlich besondern Antheil anden Vorgängen nahmen. Einer ihrer Hauptredner, Stein, schilderte von neuem dasVorgefallene; er hatte persönlich der Bestattung der Gefallenen beigewohnt und Be-richte von Augenzeugen eingesammelt. Die.ganze Provinz sei in der größten Auf-regung, man befürchte an andern Orten Ähnliches. „Die Ursachen dieser Ereig-nisse", rief er aus, „liegen tiefer, und deshalb muß auch die Abhülfe nicht auf dieseseinzelne Ereigniß gerichtet sein, sondern sie muß allgemeiner werden. Sie können,meine Herren, die beste Verfassung ausarbeiten, Sie können die besten Gesetze ge-ben: das Vertrauen wird dadurch, durch diese'Gesetze noch nicht gestärkt. Es kommtaus die Beamten an, welche die Gesetze auszuführen haben. Man sagt uns immer,wir bilden schon eine constitutionelle Monarchie. Wenn in einer conffitutionellcnMonarchie ein Ministerium wechselt, so wechseln bekanntlich die obersten Verwaltungs-beamten in den einzelnen Provinzen immer mit: es gibt immer gewisse Beamte,welche mit dem Ministerium stehen und fallen. Bei uns hat dmch die Ereignissedes 18. und 19. März nicht ein Wechsel des Ministeriums stattgefunden, sonderndas ganze System ist durch und durch erschüttert und gänzlich verändert worden,und doch sehen wir in den obersten Verwaltungsstellen, sowol des Civil als desMilitair, immer noch dieselben Beamten. Ich sage, das Vertrauen wird nicht eherzurückkehren, als bis wir sowol im Civil wie im Militair solche Beamte haben, dievon dem Geiste des neuen Staats, von den Ideen der neuen Zeit tief durchdrungensind und mit uns dahin arbeiten, daß-diese Ideen auch in der That verwirklichtwerden." Der Redner erinnerte daran, daß der Minister des Innern an die Civil-beamten bereits einen Erlaß (unterm 13. Juli) gerichtet habe, worin er Diejenigen,welche dem neuen Negierungssystem ihre Anerkennung versagten oder ihm geflissent-lich zuwiderhandelten, mit Entfernung vom Amte bedrohte. Ein ähnlicher Erlaßmöge auch an das Militair und besonders an die Offiziere ergehen. Der Kriegs-minister möge in dem Erlasse sich dahin aussprechen: „daß die Offiziere allen reac-tionairen Bestrebungen fernbleiben, nicht nur Conflicte jeder Art mit dem Civil ver-meiden, sondern auch durch Annäherung an die Bürger und Vereinigung mit den-