, Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 621
der äußersten Linken war Niemand in der Versammlung, welcher sich dem Antraganzuschließen gedachte. Das linke,,Centrum und das Centrum, denen es nur darumzu thun, ihre Sympathien für Ostreich, dessen Freiheit arg bedroht schien,, kund-zugeben, stellten Amendements. Nodbertus, stellte den Antrag, wonach das Mini-sterium die Vermittelung der Centralgewalt erwirken sollte; Duncker vom Centrumstellte in ziemlich ähnlichem Sinne ein Amcndement. Waldeck hielt eine jener Ne-ben, die nur die Überzeugung, gepaart mit der ganzen Fülle politischer Leidenschaft,j eingeben kann. Vom linken Centrum sprachen Berg und Nodbertus, vom Centrum
» Duncker, von der Rechten Baumstark. Auch das Ministerium betheiligte sich bei
der Debatte. Graf Dönhoff erklärte, der Kaiser beabsichtige nicht, die Freiheiten des, Volks aufzuheben; die Centralgewalt habe Commiffare abgeordnet. Während Dies
! im Saale vorging, sah es draußen überaus unruhig aus. Dichte Volksmassen, al-
lerdings unbewaffnet, belagerten das Haus von allen Seiten. Der Commandantder Bürgerwehr, Nimpler, dem es hauptsächlich auf den Schutz des Saales ankam,und der vor den Augen der Menge, solange diese außer Stande schien, angreifendzu verfahren, seine Streitkräfte nicht entwickeln wollte, hatte seine Mannschaft inner-halb des Gebäudes aufgestellt. Nimpler selbst, mit seinem ganzen Stäbe, befand sichim Innern des Hauses, um für jedes Ereigniß bereit zu sein. Das benutzte diei Menge und besetzte die Thüren, in der Absicht, Niemanden herauszulassen, ehe dieAbstimmung vollendet sei. Die Bürgerwehr sah sich somit von außen abgeschnitten,wenn sie nicht einen Ausfall mit bewaffneter Hand machen wollte. Natürlich scheutesich das Commando vor einem solchen Schritt gegen unbewaffnete Haufen. Soverging lange Zeit, bis es endlich gelang, Entsatzmannschast herbeizuziehen, welche dieAusgänge sofort freimachte. Inzwischen war die Versammlung, unter deren Fen-stern diese unruhige Menge ihr Wesen trieb, zur Abstimmung geschritten. Waldeck's^ Antrag wurde mit 229 gegen 113 Stimmen verworfen. Für Duncker's Amendementstimmte die ganze Rechte und das Centrum; dasselbe ward aber ebenfalls mit 187gegen 164 Stimmen verworfen. Alle Stimmen, mit Ausnahme der äußersten Rech-ten, vereinigten sich nun auf das Nodbertus'sche Amendement, welches mit 261 gegen82 Stimmen angenommen wurde. Sogar der Ministerpräsident von Pfuel, derschon für Duncker's Antrag gestimmt hatte, stimmte für Nodbertus. Es ging be-reits auf 11 Uhr, und die Thüren waren noch nicht frei. Abgeordnete von der rech-ten Seite erklärten dies laut von der Tribune und verlangten, daß die Sitzung fort-gesetzt würde; der Präsident Unruh gab Dem jedoch nicht nach und schloß dieSitzung. Wie bereits oben erwähnt, gelang es der Bürgerwehr, indessen nicht ohneeinen Zusammenstoß mit den Maschinenbauern, die Volksmenge zurückzutreiben und^ den Abgeordneten Bahn zu machen. Einige von ihnen entschlüpften nur mit Müheden Mißhandlungen.
Dieser Handstreich, äußerlich von den Nadicalen provocirt und von der Reactionim Geheimen befördert, sollte die Ausführung der lange genährten Plane gegen dieVersammlung bringen. Jeder fühlte nach jenen Vorgängen, daß Etwas im Werkesei. Am andern Tage hielt die Versammlung keine Sitzung. Die Ruhe Berlins! bildete einen auffallenden Contrast des vorigen Tages. Gleichzeitig verbreitete sich dieNachricht von der Einnahme Wiens durch Windisch-Grätz, was nach den letzten Be-richten sehr glaublich schien. Berlin befand sich in der Erwartung einer Wiederho-lung der wiener Vorgänge.
Äücktritt des Ministeriums Pfuel; Ankündigung des Ministeriums Brandenburg; Beschlußeiner Adresse der Versammlung an den König; Scene bei Überreichung der Adresse;die Antwort des Königs an die Versammlung; die Conferenzen mit der Rechten.
Am 2. Nov. hielt die Nationalversammlung ihre gewöhnliche MorgensitzungEin Schreiben des Ministers Pfucl benachrichtigte die Versammlung, daß er seineEntlassung gegeben habe, ein zweites Schreiben des Generals Grafen Brandenburg,daß er mit Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt sei. Diese Nachricht ver-