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Die Revolution in Venedig.
nicht mehr sicher; die Kasematten bieten keinen Schutz und drohen einzustürzen; dieKasernen sind in größter Gefahr. Am meisten leidet das Fort Rizzardi, welches mitnur 7 Kanonen gegen 4 feindliche Batterien sich vertheidigen muß; zudem sieht manden Feind schon an der dritten Parallele arbeiten." Der Schluß war besondersentmuthigcnd: „Spätestens am nächsten Morgen könne Marghera erstürmt werden."Und welches gräßliche Blutbad stand dann bevor! Welchen Eindruck dieses Bulletinhervorbringen mußte, ist leicht begreiflich; auch der Muthvollste und Überspanntestesank zusammen. Jetzt halfen weder Sophistereien noch phantastische Proklamationen;jetzt galt es praktisch sehen, und augenblicklich das furchtbar hereindrohende Wetternach Möglichkeit minder schädlich machen. Große Massen bewegten sich nach demMarcusplatze; die Kaffeehäuser, sonst vollgepfropft von bramarbasirenden Herrchenund phantastischen Lions, begannen leer zu werden; ein Landwind trug das Drohnender Paixhans, der Kanonen und Bomben aus den Platz. Die nichtofficiellen Bul-letins verstummten; das Militairspital a Santa-Chiara war bereits überfüllt vonVerwundeten.
Manin sah jetzt ein, daß das Ende vor der Thür. Er fühlte endlich den Mo-ment; er merkte den Boden unter seinen Füßen schwanken. Verzweifelnd, raffteer seine Kräfte zusammen und griff kühn an das Steuerruder, um das kleineSchifflein der Republik wenigstens für einen Augenblick dem Untergänge zu entreißen.Manin erließ ein Decret folgenden Inhalts: „In Anbetracht, daß Marghera fürdie Vertheidigung Venedigs kein strategisch wichtiger Punkt ist; daß durch einenRückzug der Truppen und durch deren Concentrirung innerhalb der eigentlichen undnatürlichen Vertheidigungslinie die Lage Venedigs nur verbessert wird; daß diein Marghera stationirte Garnison durch die heldcnmüthige Vertheidigung der Festungnicht nur die Ehre der venetianischen Waffen gerettet, sondern sich auch um dasVaterland wohlverdient gemacht hat, decretire ich: 1) Das Fort Marghera soll ge-räumt werden. 2) Oberst Ulloa ist mit der Ausführung dieses Decrets beauftragt."Bevor jedoch dieses Decret noch veröffentlicht wurde, hatte Ulloa einem speciellenAuftrage zufolge schon den Rückzug anbefohlen. Daß dabei große Verwirrungherrschte, bedarf wol kaum der Erwähnung. Major Debrunner aus dem Thurgau,der Commandant der bereits unter 100 Mann zusammengeschmolzenen Schweizer-compagnie, zeichnete sich dabei ganz vorzüglich mit seiner Truppe aus. In größterUnordnung, geistig und Physisch auf den Tod ermüdet, kehrten die Streiter in ein-zelnen Gruppen über die Laguncnbrücke in die Stadt zurück. Dieser Rückzug dauerteden ganzen Abend bis gegen Mitternacht. Don allen Seiten drängte sich das Volkaus den Häusern, bestürmte die Rückkehrenden mit Fragen, und suchte mit ängstlicherTheilnahme die Angehörigen. Furchtbare Flüche über die „ deutschen Barbaren " flo-gen über viele tausend Lippen zum nächtlichen Himmel; es war eine schrecklicheNacht! Es mochte gegen 1 Uhr nach Mitternacht sein, als sich eine große Mengedes gereizten Volks gegen den MarcuSplatz bewegte, wo sich die Neste einzelner Corpssammelten, um von da in die betreffenden Kasernen zu ziehen. Fast die ganze Na-tionalgarde durchstreifte in Patrouillen die Stadt, und suchte die Zusammenrottungendurch freundschaftliche Zurechtweisungen und Aufklärung des Geschehenen zu besänf-tigen, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Nacht verging ohne Excesse;doch harrte man mit banger Erwartung dem kommenden Morgen entgegen.^
Am Morgen des 27. Mai, es war der Pfingstsonntag, hielten die Ostreicherihren siegreichen Einzug in das verlassene, fast ganz zerstörte Marghera. Auf San-Giuliano aber befand sich noch immer die ungarische Legion — ein Häuflein von38 Mann unter dem Commando Ludwig Winkler's, ehemaligen Offiziers im RegimentKinsky. Plötzlich begannen die Kaiserlichen von Marghera auf San-Giuliano her-unter zu feuern, sodaß die wenigen Verwegenen zum Rückzüge von dieser kleinenInsel gezwungen wurden. Von Marghera aus begaben sich nun bei 30 Mann Ostrei-cher mit 3 Offizieren nach San-Giuliano, um von dem Punkte Besitz zu nehmen.