26 Ungarn vor der Märzrevolution.
schwung verleihen. Die industrielle Entwickelung Ungarns lag von jeher unglaub-lich danieder, und einen Theil der Schuld trug davon ohne Zweifel die Nachlässig-keit der Bevölkerung selbst. Aber wenn sich auch jetzt diese allgemeine Nachlässigkeitin Feuereifer verwandelt hätte, so konnte doch kein gedeihliches Resultat erzielt wer-den, solange die östreichischen Zollschranken mit ihrem Alpgewicht auf dem ungari-schen Verkehr lasteten. Das reiche Ungarn war in dieser Beziehung stets aufsungerechteste behandelt worden, wie eine Colonie, die man zum Vortheile des Mut-terlandes, der sogenannten Erbländer, eigentlich aber des kaiserlichen Säckels, aus-beutete. Während den überreichen Naturerzeugnissen des Landes die Ausfuhr nurunter sehr schweren Zöllen gestattet und dadurch oft der ganze Gewinn illusorisch ge-macht wurde, überschwemmte man die ungarischen Märkte ohne alles Hinderniß miteiner Masse ausländischer (östreichischer) Jndustrieerzeugnisse, sodaß die noch in derKindheit befindliche, mangelhafte inländische Industrie auf die Möglichkeit eines Auf-schwungs verzichten mußte. Seit Beginn dieses Jahrhunderts hatte der ReichstagNiederholt auf Aufhebung der Zollschranken oder Herstellung eines gleichen Verhält-nisses zwischen Ein- und Ausfuhr gedrungen. Die Regierung mochte darauf durch-aus nicht eingehen, und fuhr fort, das Land in der bisherigen Weise zur ewigen Ar-muth zu verdammen.*) Die herrlichsten Naturprodukte, im Werthe von Millionen,-verfaulten alljährlich, weil ihnen die gehörigen Abzugskanäle fehlten, indem bei demhohen Ausfuhrzoll dem Eigenthümer aller Gewinn verloren gegangen wäre. Ande-rerseits aber mußte das geldarme Land jährlich große Summen ans Ausland weg-geben, weil die einheimische Industrie mit den von allen Seiten hereinströmenden frem-den Erzeugnissen unmöglich die Concurrenz halten konnte. Die Oppositionspartei suchteauch hier aus eigene Hand zu helfen. Kossuth rief den „Vääe^let" (Schutzverein)inS Leben, der sich von Pcsth aus bald über das ganze Land verbreitete, und dessenMitglieder sich verpflichteten, ihren Bedarf an Jndustrieerzeugnissen nur mit vater-ländischem (Koni) Fabrikat zu decken. Es war dies nur eine Dergeltungsmaßregel:Östreich sperrte den ungarischen Naturerzeugnissen seine Märkte ab, sodaß Ungarn eingleiches an den östreichischen Jndustrieerzeugnissen üben mußte. Dadurch sollte dasGleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhr hergestellt, zugleich durch Fernhaltung derConcurrenz die einheimische Industrie in die Höhe gebracht werden. Die Regierungagitirte geheim und offen gegen diesen Verein; aber da sich kein gesetzlicher Grundzu seiner Aushebung geltendmachen ließ, mußte sie ihn gewähren lassen.
Wie die Opposition einerseits, war andererseits auch die Regierung eifrig be-müht, für ihre Doctrinen und Absichten zugleich außerhalb des Reichstags zu wirken.In materieller Beziehung zeigte sich dies besonders auffallend in der Tabackfrage.Abgesehen davon, daß die Regierung dem ungarischen Taback den östreichischen Marktverschloß, wollte sie seit 1843 in Ungarn das Recht zum Tabackbau und Verkauffsir sich allein in Anspruch nehmen, und so dem Lande einen Erwerbszweig entwin-den, der Tausenden von Bauern Unterhalt gab und viele Tausende fleißiger Händebeschäftigte. Das Land protestirte gegen diese gesetzwidrige Neuerung. Die Regie-rung kehrte sich indessen nicht daran, sondern errichtete in den bedeutendsten unga-rischen Ortschaften königliche Tabacktrafiken, um von diesen allmälig zur Monopo-lisirung des ganzen Tabackgeschäfts überzugehen.
Ein Haupthinderniß bei der Geltendmachung der östreichischen Politik war stets
*) Zur Entschuldigung dieser systematischen Aussaugung wurde von östreichischen Publicistenstets geltendgemacht, daß die Verwaltung Ungarns „sehr viel koste", und das ganze Landder östreichischen Regierung mehr aus- als eintrage. Man hat dies dem deutschen Publicum sooft vorgesagt, daß es der Behauptung endlich Glauben schenkte, und Ungarn mit Irland verglich,welches wirklich England mehr Kosten verursacht, als eß einbringt. Der tüchtige StatistikerFe'nyes hat mit nackten Zahlen die Unwahrheit dieser Behauptung nachgewiesen. Die Aus-gaben Ungarns beliefen sich im Jahre 1842 auf 15,912779 Gulden 55 Kr.; die Einnahmehingegen auf 23,079399 Gulden 44 Kr. Conv.-Münze, ergaben mithin einen Überschuß von7,106619 Gulden 48 Kr. Das Verhältniß war in manchen Jahren noch günstiger.