Frankreich und Paris nach der Februarrevolution. 35
aber regelmäßig mit Händeklatschen und Beifallrufen begrüßt. Die Gewalt seinerstets hochpoetischen Rede trug vorzüglich dazu bei, an diesem ersten Abend die bru-talen Leidenschaften der rohen Menge zu bändigen, und verhals der provisorischenRegierung hauptsächlich zu dem Siege über die beiden andern Regierungen, die überdie Wahl der Personen und Abzeichen nicht einig werden konnten und ihrer popu-lairen Gegnerin endlich das Feld räumten, sich im Geheimen vorbehaltend, die an-geregten Plane eines neuen Schreckenssystems ein anderes mal durchzusetzen.
Nach und nach verlief sich ermüdet die Menge, die seit 24 Stunden auf denBeinen war.^ Das dumpfe Murmeln, das über der strudelnden Masse wie niederesGewittergewölk über der dampfenden Erde schwebte, verklang allmälig aus den Um-gebungen des Stadthauses- ein Posten Freiwilliger schloß das um das Gebäude her-umlaufende Gitter und ließ verspätete Gäste nur noch auf ausdrücklichen Befehl herein.Nach Mitternacht blieben auf dem Greveplatz blos etliche hundert Barrikadenmänner,die mit brennenden Lunten vier geladene Kanonen bewachten, und im Stadthause selbstetwa 5—4000 Bürger aller Art, Nationalgarden, Zöglinge der Militairschulen, Stu-denten, Ouvriers, Journalisten, Deputirte, die aus den Höfen und Treppen, in denGängen und Sälen lagerten oder herumwanderten, während die provisorische Regie-rung ihre Berathungen fortsetzte und eine beispiellose Redactionssertigkeit entwickeltein den 72 Proklamationen und Decreten, welche vor Sonnenaufgang erschienen.
Die Nacht war stürmisch und finster. Ein kaltes Regenwetter trieb niedere Wolkenam Himmel vor sich her und knarrte mit den Nauchfä'ngen auf den Dächern. AmEingang aller Straßen hochgethürmte Barrikaden, obenauf mit qualmenden Talg-schalen besetzt, und zu beiden Seiten mit schmalen Durchgängen, wo freiwillige Schild-wachen standen, mit geladenem Gewehr und ohne andere Weisung, als die sie sichselbst ertheilt. Ab und zu stieß man auf große Wachfeuer, wozu Lheilweise kostbareMöbel aus den verwüsteten^ Palästen den Brennstoff lieferten, und ringsherum aufGruppen von Leuten, die, ihre Gewehre im Arm, auf der Streu schliefen und Vorpostenausgestellt hatten. Jeder Vorübergehende wurde angerufen, angehalten, scharf exa-minirt und, jenachdem das Examen ausfiel, entweder freundschaftlich entlassen oderbarsch von Posten zu Posten bis an seine Wohnung escortirt. Von Zeit zu Zeithorte man Flintenschüsse fallen und Kugeln durch die Luft sausen; hier und da zogenmizelne Volkshaufen lärmend und singend vorüber; dann folgten Patrouillen vonousenmannern, deren gemessener Schritt melancholisch auf dem Pflaster wider-baven Ganzen waren die Straßen einsam und boten, außer den überall sicht-Nur in eben beendigten Kampfes, nichts Unheimliches und Grausiges dar.
und Beweauna^ Polizeipräfectur herum, zeigte sich eine auffallende Unruhe
V. ^bre und Sobrier, die sich gegen Abend an der Spitze einer^nsurgentenbande von 5-6000 Mann ins Polizeigebäude geworfen, bivouakirtendort auf den Höfen und anliegenden Plätzen, schickten aus ihrem Lager Streifwachennach allen Richtungen, um sich von den Anordnungen der provisorischen Regierungzu unterrichten und mit andern Znsurgentenscharen in Verbindung zu setzen; sie ließenBarrikaden errichten, welche nach allen Seiten die Zugänge der Präsec-
aeaen etm">ia?N trafen Anstalten, als ob sie gesonnen seien, sich auf ihrem Postengegen etwaige Angnffc zu verschanzen.
Revolutionsscenen im und am Stadthause am 25. Febr.; terroristisch-communistischeVolksbewegung; Lamartine's Reden gegen die rothe Fahne.
8sEe der Morgen, so strömten bereits von allen Ecken und Enden neue„ ^scharen herbei. . Arbeiter in großen Massen durchzogen lärmend die Straßenbewa^E" Platze. Alles wogte abermals dem Rathhause zu. Die durchgängigrotbe Hütchm waren von Leuten angeführt, die rothe Fahnen schwenkten undum den Arm oder Leib trugen; die Andern hatten meist ein rothes"«»ocyen an die Blouse oder Mütze geheftet. Ein Wald von wenigstens 25—30008
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